Trinkgeld

Kaum in einem anderen Aspekt unterscheiden sich die drei Länder USA, Japan und die Schweiz stärker als beim Thema „Trinkgeld“.

In der Schweiz besteht – zumindest meinen Erfahrungen gemäss – im Bereich des Trinkgelds ein relativ hohes Mass an Freiheit, wobei ich mich den Worten von Cornelia Steinmann anschliessen kann:

Der Service ist in Schweizer Restaurants inbegriffen. Das bedeutet, dass man kein Trinkgeld bezahlen muss. Wenn man zufrieden war, darf und soll man das aber natürlich tun.

Oft handelt es sich dabei um eine „Aufrunden“ auf den nächsthöheren runden Betrag (von Fr. 3.60 auf 4.00 oder von Fr. 87.30 auf 90.00), sofern man mit dem Service zufrieden war. In unserem fiktiven Beispiel ergäbe dies ein Trinkgeld von 11% in ersterem und 3% in letzterem Fall. War es eine wirklich aussergewöhnlich freundliche Bedienung, kann es natürlich unter Umständen natürlich auch etwas mehr sein, gerade bei hohen Beträgen wie bei einem Nachtessen.

Tatsache ist: Tendenziell ist das Trinkgeld – prozentual ausgedrückt – für kleinere Beträge eher höher als für grosse Beträge, wobei die genaue Höhe (inkl. der Möglichkeit auf einen vollständigen Verzicht auf ein Trinkgeld) im Ermessen des Gasts liegt.

Ganz anders verhält es sich in Japan, wo Trinkgeld ein Fremdwort ist. Wie ich in einem früheren Beitrag aus Tokyo beschrieben hatte:

Wenn also der Rechnungsbetrag – wie heute Abend in Shinjuku – 22′776 Yen lautet, dann werden auch 22′776 Yen bezahlt. Kein Yen mehr, kein Yen weniger.

Während mir die Umstellung von „freiwilligem Trinkgeld“ auf „kein Trinkgeld“ sehr leicht gefallen ist, konnte ich mich mit der amerikanischen Regelung auch bis am letzten Tag meines Aufenthalts in den USA nicht anfreunden. Denn – ganz entgegen der liberalen amerikanischen Tradition – ist Trinkgeld in den Vereinten Staaten kein „Darf“, sondern ein – wenngleich gesetzlich ungeschriebenes – „Muss“. Vom Gast wird ein Trinkgeld in der Höhe von 15% bis 20% (in Chicago durchschnittlich 18%) erwartet, und es gibt (so wie ich es erlebt habe) eigentlich keinen denkbaren Grund, weshalb dieses Trinkgeld nicht gezahlt werden sollte. Die Bedienung kann noch so unfreundlich sein – ihr stehen die 18% Trinkgeld zu, Punkt. Oder zumindest 10% im allerschlimmsten Fall.

Dies führte zur beinahe grotesk anmutenden Situation, dass der unfreundliche Kellner, der uns in einem – von der Pizza her gesehen: erstklassigen – italienischen Restaurant in Boston bedient hatte, uns beim Überreichen der Rechnung noch unfreundlich darauf hinwies: „Service Charge is not included.“ Ein nicht zu kleines Mass an Unmut in unserer kleinen Schweizer Dreiergruppe war unübersehbar.

Und zuerst wollten wir es dem Kellner daraufhin – für amerikanische Verhältnisse wohlgemerkt – auch „richtig heimzahlen“, und nur 10% Trinkgeld oder weniger geben („nur 10%“: man vergleiche dies mit der oben beschriebenen Situation in der Schweiz, auch wenn klar ist, dass in den USA das Trinkgeld ein fester Bestandteil der Löhne des Servierpersonals darstellt). Weil es aber eine der besten Pizzen gewesen war, die ich in meinem Leben gegessen hatte, legte ich schliesslich doch nochmals etwas Geld nach. Zwar nicht wirklich aus freien Stücken, aber aus – amerikanischem – Anstand. Man kann ja nicht so sein.

Eine Plage ist die amerikanische Trinkgeld-Kultur aus meiner Sicht aber trotzdem. Da lobe ich mir die liberale Schweizer Lösung – oder die gar noch gästefreundlichere japanische „Kein Trinkgeld“-Gepflogenheit.

PS: Das Trinkgeld lässt man in den USA übrigens am Schluss – zusammen mit Rechnungsbetrag – auf dem Tisch liegen. Man würde also nicht einmal von Angesicht zu Angesicht das Gesicht verlieren, wenn man den Kellner mit (zu) wenig Trinkgeld bestrafen würde. Dass die meisten Menschen trotzdem brav ihre „Tips“ bezahlen (auch in Lokalen, wo sie nur einem speisen), ist demnach ein schönes Beispiel dafür, dass die Menschen dem Bild eines geldnutzenmaximierenden „Homo oeconomicus“ nicht immer entsprechen.

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3 Antworten to “Trinkgeld”

  1. mds Says:

    unserem fiktiven Beispiel ergäbe dies ein Trinkgeld von 11% in ersterem und 3% in letzterem Fall.

    Deine Rechnung ist falsch, denn wie Du selbst erwähnst, ist im Preis das Trinkgeld bereits inbegriffen (übrigens seit 1974) – entsprechend ist der Anteil höher als die erwähnten 11 beziehungsweise 3 Prozent.

    Die Bedienung kann noch so unfreundlich sein – ihr stehen die 18% Trinkgeld zu, Punkt. Oder zumindest 10% im allerschlimmsten Fall.

    Bei sehr schlechtem Service habe ich den USA schon mehrfach gar kein Trinkgeld bezahlt: Ohne Leistung kein Lohn. Ansonsten differenziere ich selbstverständlich … wobei sich bei sehr gutem Service die Trinkgeldlaune von selbst einstellt! 🙂

    Die japanische Lösung ist mir am sympatischsten: Kein Trinkgeld und dennoch hervorragender Service als Standard! 🙂

    Apropos Japan: Falls Du mal jemanden in die Schweiz locken möchtest? 😉

    http://holiday.knt.co.jp/dynsrc/Detail.aspx?CRS=5226118&KKN_NO=3&tc=1108A

  2. Heike Says:

    Wie wahr, wie wahr! Ich werde aus dem ganzen amerikanischen Trinkgeld-Zeug nicht schlau. Beim Ausrechnen des angemessenen Tips versage ich regelmässig total, so dass ich jedes Mal meine Freunde oder andere verfügbare Personen bitten muss für mich den Tip auszurechnen. Wie peinlich! Man sollte einen Taschenrechner mit sich führen, aber dann müsste ich mir auch noch den genauen Prozentsatz merken. Nervig!

    Ja, ja, und das Einkaufen ist in den USA ja auch nicht so einfach. Ich will den Endbetrag wissen und nicht wieviel eine Ware ohne Tax kostet. Ändern sich diese Steuersätze eigentlich so häufig?

  3. kokoa41 Says:

    Vielen Dank für eure Kommentare, mds und Heike!

    Natürlich hast du Recht, mds, dass das Trinkgeld in Schweizer Restaurants offiziell im Preis bereits inbegriffen ist. Ich persönlich verstehe jedoch unter Trinkgeld eine Zahlung, die rechtlicher gesehen freiwillig ist. Oder wie auf Wikipedia aus der (deutschen) Gewerbeordnung zitiert wird: „Trinkgeld ist ein Geldbetrag, den ein Dritter ohne rechtliche Verpflichtung dem Arbeitnehmer zusätzlich zu einer dem Arbeitgeber geschuldeten Leistung zahlt.“

    „Inbegriffenes Trinkgeld“ zähle ich persönlich nicht in diese Kategorie. Meines Erachtens handelt es sich dabei schlichtweg um einen vom Arbeitgeber bezahlten Lohnbestandteil des Servierpersonals. Und so halte ich denn auch an meiner obigen prozentualen Berechnung des Trinkgeldes fest.

    Die Berechnung des korrekten Trinkgeldes in den USA kann zuweilen tatsächlich etwas Kopfzerbrechen bereiten. In Chicago muss man jeweils knapp 30% zum ursprünglich angeschriebenen Preis addieren: 10% für die Steuern, 18% für das Trinkgeld (Tips). Der Mehrwertsteuersatz variiert jedoch von Bundessstaat zu Bundesstaat. Ob die Steuersätze auch häufig wechseln, wie Heike mutmasst, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

    Dafür weiss ich, dass gerade bei hohen Rechnungsbeträgen (z.B. wenn man als grössere Gruppe ins Restaurant geht) die Tips oftmals direkt auf der Rechnung ausgewiesen werden. Was den Gästen zuweilen als eine nette Geste verkauft wird („We can do the math for you“), ist auch (oder eher: vornehmlich) ein direkter Schutz für den Kellner vor zu geringem Trinkgeld. Und diese Angst ist – zumindest bei studentischer und/oder ausländischer Kundschaft – durchaus berechtigt.

    Denn, ganz im Einklang mit dem Votum von mds: Wer will denn für einen durchschnittlichen Service 18% Trinkgeld bezahlen, wenn er in Japan einen erstklassigen Service für 0% Trinkgeld erhält?

    Immerhin gibt es in den USA auch Kellnerinnen, die sich für das Trinkgeld richtig ins Zeug legen, sei es mit einem „Thank you“ oder „Herzchen“ auf der Rechnung oder gar – wie in Boston einmal geschehen – mit einem Knicks.

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