Archive for Januar 2009

Trinkgeld

30. Januar 2009

Kaum in einem anderen Aspekt unterscheiden sich die drei Länder USA, Japan und die Schweiz stärker als beim Thema „Trinkgeld“.

In der Schweiz besteht – zumindest meinen Erfahrungen gemäss – im Bereich des Trinkgelds ein relativ hohes Mass an Freiheit, wobei ich mich den Worten von Cornelia Steinmann anschliessen kann:

Der Service ist in Schweizer Restaurants inbegriffen. Das bedeutet, dass man kein Trinkgeld bezahlen muss. Wenn man zufrieden war, darf und soll man das aber natürlich tun.

Oft handelt es sich dabei um eine „Aufrunden“ auf den nächsthöheren runden Betrag (von Fr. 3.60 auf 4.00 oder von Fr. 87.30 auf 90.00), sofern man mit dem Service zufrieden war. In unserem fiktiven Beispiel ergäbe dies ein Trinkgeld von 11% in ersterem und 3% in letzterem Fall. War es eine wirklich aussergewöhnlich freundliche Bedienung, kann es natürlich unter Umständen natürlich auch etwas mehr sein, gerade bei hohen Beträgen wie bei einem Nachtessen.

Tatsache ist: Tendenziell ist das Trinkgeld – prozentual ausgedrückt – für kleinere Beträge eher höher als für grosse Beträge, wobei die genaue Höhe (inkl. der Möglichkeit auf einen vollständigen Verzicht auf ein Trinkgeld) im Ermessen des Gasts liegt.

Ganz anders verhält es sich in Japan, wo Trinkgeld ein Fremdwort ist. Wie ich in einem früheren Beitrag aus Tokyo beschrieben hatte:

Wenn also der Rechnungsbetrag – wie heute Abend in Shinjuku – 22′776 Yen lautet, dann werden auch 22′776 Yen bezahlt. Kein Yen mehr, kein Yen weniger.

Während mir die Umstellung von „freiwilligem Trinkgeld“ auf „kein Trinkgeld“ sehr leicht gefallen ist, konnte ich mich mit der amerikanischen Regelung auch bis am letzten Tag meines Aufenthalts in den USA nicht anfreunden. Denn – ganz entgegen der liberalen amerikanischen Tradition – ist Trinkgeld in den Vereinten Staaten kein „Darf“, sondern ein – wenngleich gesetzlich ungeschriebenes – „Muss“. Vom Gast wird ein Trinkgeld in der Höhe von 15% bis 20% (in Chicago durchschnittlich 18%) erwartet, und es gibt (so wie ich es erlebt habe) eigentlich keinen denkbaren Grund, weshalb dieses Trinkgeld nicht gezahlt werden sollte. Die Bedienung kann noch so unfreundlich sein – ihr stehen die 18% Trinkgeld zu, Punkt. Oder zumindest 10% im allerschlimmsten Fall.

Dies führte zur beinahe grotesk anmutenden Situation, dass der unfreundliche Kellner, der uns in einem – von der Pizza her gesehen: erstklassigen – italienischen Restaurant in Boston bedient hatte, uns beim Überreichen der Rechnung noch unfreundlich darauf hinwies: „Service Charge is not included.“ Ein nicht zu kleines Mass an Unmut in unserer kleinen Schweizer Dreiergruppe war unübersehbar.

Und zuerst wollten wir es dem Kellner daraufhin – für amerikanische Verhältnisse wohlgemerkt – auch „richtig heimzahlen“, und nur 10% Trinkgeld oder weniger geben („nur 10%“: man vergleiche dies mit der oben beschriebenen Situation in der Schweiz, auch wenn klar ist, dass in den USA das Trinkgeld ein fester Bestandteil der Löhne des Servierpersonals darstellt). Weil es aber eine der besten Pizzen gewesen war, die ich in meinem Leben gegessen hatte, legte ich schliesslich doch nochmals etwas Geld nach. Zwar nicht wirklich aus freien Stücken, aber aus – amerikanischem – Anstand. Man kann ja nicht so sein.

Eine Plage ist die amerikanische Trinkgeld-Kultur aus meiner Sicht aber trotzdem. Da lobe ich mir die liberale Schweizer Lösung – oder die gar noch gästefreundlichere japanische „Kein Trinkgeld“-Gepflogenheit.

PS: Das Trinkgeld lässt man in den USA übrigens am Schluss – zusammen mit Rechnungsbetrag – auf dem Tisch liegen. Man würde also nicht einmal von Angesicht zu Angesicht das Gesicht verlieren, wenn man den Kellner mit (zu) wenig Trinkgeld bestrafen würde. Dass die meisten Menschen trotzdem brav ihre „Tips“ bezahlen (auch in Lokalen, wo sie nur einem speisen), ist demnach ein schönes Beispiel dafür, dass die Menschen dem Bild eines geldnutzenmaximierenden „Homo oeconomicus“ nicht immer entsprechen.

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I-House Fridge Lockers

23. Januar 2009

Fridge Lockers im International House in Chicago

… oder: wenn Ideale an der Realität scheitern. (Ohne Worte.)

Auszug aus dem Mission Statement des International House at the University of Chicago:

The mission of International House is to promote cross-cultural understanding, mutual respect and friendship among students and scholars and on the part of the people of metropolitan Chicago toward individuals of all nations and backgrounds.

Auszug aus der E-Mail des Directors des I-House, Bill McCartney, vom 4. Dezember 2008:

Kitchen Thefts:
There has been an increase in complaints from residents of thefts from their locked and unlocked freezer and cooler lockers in recent weeks. Please be more considerate of each other than this. As a community we must act as a unified group to encourage trust and cooperation in order to maintain the ideals of I-house. Taking what does not rightfully belong to you does not fit within this view of life in International House. Should we find a resident taking items that do not belong to them, no matter how insignificant, we would view this as one of our most serious violations of the trust of being a community member. As such, an individual could face removal from the House in addition to other legal actions.

Auszug aus der E-Mail von Bill McCartney vom 23. Januar 2009:

Theft Problem in Kitchen:
We continue to receive complaints from residents that items are being stolen from the refrigerator and freezer areas. There is little that we can do to prevent this from a management standpoint. We are investigating the placement of a camera that will pay greater attention to these areas. If this is feasible given the economic considerations involved in the installation; we will move in this direction.

Metra Electric

21. Januar 2009

Plattform der Metra Electric in Chicago

Der seit gestern inaugurierte 44. amerikanische Präsident Barack Obama hat sich – neben viel anderem – zum Ziel gesetzt, zur Ankurbelung der darnieder liegenden Wirtschaft die Infrastruktur der USA zu erneuern. Auch wenn er dabei nicht primär an das Eisenbahnnetz denkt, sondern vielmehr Schulen und Krankenhäuser modernisieren, die Breitband-Internet-Verkabelung ausbauen und öffentliche Gebäude energiesparend einrichten will: Obiges Bild der Plattform der „Metra Electric“ in Chicago zeigt den Infrastrukturbedarf der USA meines Erachtens deutlich auf.

Oder hätten Sie mir etwa nicht geglaubt, wenn ich geschrieben hätte, die obige Aufnahme würde nicht aus Chicago, sondern aus einem Entwicklungsland in Asien stammen?

Ich wage es zu bezweifeln. Und dabei hatte ich die Foto nicht einmal an einer weit abgelegenen Stelle in Chicago aufgenommen, sondern an der Roosevelt Road, wenige Hundert Meter entfernt vom Grant Park, wo Barack Obama später am 4. November 2008 seinen grossen Sieg feiern sollte.

Aber sehen wir die ganze Sache positiv: Immerhin ist es eine Metra Electric – und keine Dampfeisenbahn auf Kohle- oder Mineralölbasis.

Metra Electric in Chicago (Roosevelt Road)

Subway

19. Januar 2009

Subway Sandwich

„Wer die Wahl hat, hat die Qual.“

Nirgendwo lässt sich dieses Sprichwort besser nachvollziehen als bei einem Besuch in einem Subway. Subway, das ist die führende amerikanische Sandwich-Restaurant-Kette mit über 30’000 Franchise-Nehmern in fast 90 Ländern. Ihr Markenzeichen: In den Subway-Lokalen werden die Sandwiches einzeln nach den Wünschen des Kunden frisch zubereitet.

Bei Wikipedia tönt dies – ganz unaufgeregt und ungefährlich – folgendermassen:

Der Gast bei Subway trifft beim Bestellvorgang verschiedene Entscheidungen entlang einer vorgegebenen Produktionskette und teilt diese dem Subway-Mitarbeiter mit.

In der Realität gestaltet sich der Bestellprozess – zumindest für einen Erstbesteller resp. späteren Nur-Gelegenheits-Subway-Besucher wie mich – jedoch um ein Vielfaches anstrengender. Denn die Subway-Mitarbeiter sind unerbittlich und wollen alles wissen:

1. Welche Grösse?
2. Welches Brot?
3. Welcher Käse?
4. Welches Fleisch?
5. Welche Sauce?
6. Welche Gemüsesorten?

Dabei muss der Kunde aus 2 Brotgrössen, je rund 5 Brot-, Käse-, Fleisch- und Saucen-Sorten auswählen und das Zwischenergebnis anschliessend mit einer beliebigen Auswahl aus rund 6 Gemüsesorten kombinieren. Oder mathematisch ausgedrückt:
2 x 5 x 5 x 5 x 5 x (6 tief 0 + 6 tief 1 + 6 tief 2 + 6 tief 3 + 6 tief 4 + 6 tief 5 + 6 tief 6)
= 2 x 5 x 5 x 5 x 5 x 64
= 80’000

Man behafte mich nicht auf der exakten Anzahl Brot-, Käse- oder Gemüsesorten – die Grössenordnung des Ergebnisses  spricht auch so für sich: Rund 80’000 Kombinationsoptionen für ein gewöhnliches Sandwich, das in der Folge innert weniger Minuten verspiesen wird. Kein Wunder, bildet sich an der Bestell-Trese jeweils auch dann eine Schlange, wenn nur wenige hungrige Kunden auf die Zubereitung ihres persönlichen Sandwiches warten.

Zugegeben: Lecker und nahrhaft sind sie alleweil, die frisch zubereiteten und reich beladenen Subway Subs. Aber ob sie den mit der Massanfertigung verbundenen zeitlichen und geistigen Aufwand wirklich wert sind?

Ich jedenfalls werde das nächste Mal, wenn ich mir in der St. Galler Uni-Cafeteria ein Sandwich gönne, die Schweizer Einfachheit wieder schätzen und mich dabei auf die wirklich wichtigen Fragen des Lebens zurückbesinnen: Schinken oder Käse?

PS: Wer sich für den USA-Subway-Besuch vorbereiten will, kann auf der Website von Subway Deutschland das Bestellen vorgängig bereits etwas üben (auch wenn dort unter anderem der „Swiss Cheese“ als Käseoption fehlt): Subway Sandwich Konfigurator.

Caution: Falling Ice

17. Januar 2009

Falling Ice

Was den St. Gallern die Warnungen vor Dachlawinen, sind der Chicagoer Bevölkerung die Hinweise auf „Falling Ice“.

Die Passanten sehen sich dabei an beiden Orten vor dieselbe Frage gestellt: So what? Hände über den Kopf halten? Velo-Helm tragen? Umdrehen?

Irgendwie fühlte ich mich beim Anblick obiger Tafel etwas an Asterix und Obelix und deren Furcht, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, erinnert.

Machen kann man in beiden Fällen nicht wirklich etwas dagegen.

Winterschlaf

15. Januar 2009

Happy 2009

Heute Abend in meiner Mailbox:

Ich schaue immer wieder auf Deinen Blog, aber Du schreibst seit Du Chicago verlassen hast gar nichts mehr. Schade. Bist du so beschäftigt? Schreibst Du jetzt schon an Deiner Masterarbeit?

Die Wahrheit ist: Ja, ich habe in den letzten Tagen tatsächlich mit dem Verfassen meiner Masterarbeit begonnen – mit dem Ziel, sie Mitte Mai einzureichen und damit mein Studium abzuschliessen. Aber „so beschäftigt“ bin ich nicht, nein, das wäre gelogen. Ich war in den vergangenen Wochen bloss schreibfaul (Harald Schmidt würde es eine „kreative Pause“ nennen), seit ich mich aus Chicago verabschiedet hatte und anschliessend zuerst die Ferien an der amerikanischen Ostküste und daraufhin die Festtage in der Schweiz fernab des Uni-Alltags genoss. Mit ausgiebigem Ausschlafen, einem Murmeltier gleich.

Dieser Schreib-Faulheit soll nun aber mit dem heutigen Tage – fast genau ein Monat nach meinem letzten Eintrag aus den Staaten – ein Ende gesetzt sein. Über was genau ich in den kommenden Monaten berichten werde, ist zurzeit noch offen – wahrscheinlich werde ich zuerst einige Impressionen aus den USA nachreichen. Denn es warten namentlich noch ein paar Leckerbissen aus New York, Washington und Boston darauf, von einer hungrigen Blog-Leserschaft – wie ich hoffe: genüsslich – verspiesen zu werden.

In diesem Sinne: „En Guete“, und dankeschön für euer Ausharren. Ich werde mich dafür in den kommenden Wochen bemühen, wieder regelmässig ein paar bekömmliche Lese-Häppchen zu servieren. Menü-Wünsche (japanische, amerikanische oder schweizerische Küche) wie immer herzlich willkommen.