Locker revisited

Und kaum wähnte sich klein Indiana Jones Herr der Lage, sollte ihm die nächste Herausforderung bevorstehen: Das Vorhängeschlosses für das Garderobenfach im Sportzentrum.

Gelassen, aber zugleich mit der nötigen Portion Sorgfalt machte sich Indiana daran, das Schloss zu öffnen, um es anschliessend an seinem Kästchen anzubringen. Dank seiner mittlerweile mehrwöchigen Locker-Erfahrung im International House wusste er, wie ein Locker zu öffnen war – und erst zwei Tage zuvor hatte er die Anleitung in der Form einer digitalen Notiz niedergeschrieben. Uhrzeigersinn, Gegenuhrzeigersinn über die Null hinaus, Uhrzeigersinn wieder über die Null hinaus… doch das Schloss wollte sich nicht öffnen.

Nicht öffnen?

Indiana wurde unsicher. Hatte er die Reihenfolge der drei Nummern falsch interpretiert, die auf dem am Locker angebrachten Metallplättchen nicht auf einer Gerade, sondern in einem Dreieck angebracht waren? Oder war vielleicht keine Drehung über die Null hinaus erforderlich?

Als auch zwei, drei weitere Versuche erfolglos blieben, packte er die Gelegenheit beim Schopf, die in der Umkleidekabine auf ihn wartete: ein (bis dahin) flüchtiger spanischer Bekannter aus dem I-House, der ein täglicher Gast im Gym war und folglich danach aussah, als könnte er als fachkundiger Experte dienen. Und dies tat er dann auch – wenngleich mehrere Versuche nötig waren, bis klein Indiana am Schluss den Locker tatsächlich öffnen konnte. Erst im Nachhinein sah letzterer auch, mit was für einer Herausforderung er es an jenem Abend zu tun hatte: Mit dem Master-Locker, so die eingravierte Bezeichnung.

Das bekannte Rezept, das im I-House bei beiden Lockern stets problemlos zum Ziel führt, konnte dieser Master-Herausforderung ganz offensichtlich nicht standhalten. Sodann bemühte sich klein Indiana, sich das neue Master-Rezept, aus kundigem Munde des spanischen Power-Locker-Openers empfangen, zu verinnerlichen:

1. Ein paar (Teil-)Umdrehungen im Uhrzeigersinn, um das Schloss zu neutralisieren.
2. Im Uhrzeigersinn weiterdrehen bis zur ersten Zahl.
3. Bei der ersten Zahl anhalten, dann im Gegenuhrzeigersinn drehen, die zweite Zahl einmal überqueren und erst beim zweitmaligen Erreichen der zweiten Zahl anhalten.
4. Wieder im Uhrzeigersinn bis zur dritten Zahl weiterdrehen und beim erstmaligen Erreichen der dritten Zahl (unabhängig davon, ob die Null überquert wurde oder nicht) anhalten.
5. Ein letztes Mal die Richtung ändern und wiederum im Gegenuhrzeigersinn drehen und dabei gleichzeitig den Metallbügel vom Schlossunterteil wegziehen.

Und siehe da: Das Schloss war offen.

Erneut fühlte sich klein Indiana, als hätte er zum ersten Mal eine (dieses Mal bedeutend grössere) Schatzkammer geöffnet, und war fürwahr etwas stolz auf sich, als er nach dem Joggen, bei dem er sich prächtig von den Locker-Strapazen erholen konnte, das Master-Locker-Vorhängeschloss gleich im ersten Anlauf öffnen konnte.

Zuhause angekommen, stellte er dann mit Interesse fest, dass das neue Master-Locker-Rezept auch für den I-House-Locker taugt. Offensichtlich war das alte Rezept bloss für den Spezialfall, nicht aber für den generellen Fall geeignet.

Und so nahm sich Indiana vor, beim nächsten Zusammentreffen mit der amerikanischen Locker-Instruktorin der ersten Stunde nochmals nachzufragen, wie denn genau aus ihrer Sicht das Rezept zum Öffnen der amerikanischen Zahlenschlösser lauten würde.

Vielleicht hatte er ja beim ersten Mal auch einfach nur nicht richtig zugehört.

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