US-Präsidentschaftswahlen 2008

Die erste Debatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain hatte letzte Woche hier im International House in Chicago zu einem übervollen Esssaal geführt. Heute, anlässlich der ersten und einzigen öffentlichen Fernsehdebatte zwischen den beiden Vizepräsidentschaftskandidaten Joe Biden und Sarah Palin, war es nicht anders. Und zumindest ein Stehplatz war mir erneut sicher.

Vorab muss ich gestehen: Abgesehen von den Fernsehdebatten verfolge ich den Wahlkampf hier in den USA eigentlich nicht, und ich hatte mich auch in der Schweiz nur ab und dann etwas über die Kandidaten und deren Positionen informiert. So verfolgte ich die beiden ersten Debatten zwar mit Interesse, aber zugleich auch aus einer ziemlich neutralen Warte, ganz nach dem Credo: Der Bessere möge gewinnen. Vor diesem Hintergrund sind denn auch die folgenden Einschätzungen zu sehen.

Das erste Fernsehduell der beiden Präsidentschaftskandidaten letzte Woche ging meines Erachtens ziemlich untentschieden aus – keiner der beiden war wirklich überzeugend, aber auch keiner gab sich eine Blösse. Vielmehr konnten beide Kandidaten ein paar schöne Treffer landen, während sie jeweils gleichzeitig auch den einen oder anderen einstecken mussten. 1:1.

Anders war mein Gefühl bei der heutigen Debatte der beiden Vizepräsidentschaftskandidaten: Ohne die erste Halbestunde (die ich verpasste hatte) in Betracht zu ziehen, sah ich Biden mit seiner Erfahrung und Abgeklärtheit im Vergleich zur relativ unerfahrenen Palin im Vorteil, auch wenn diese sich – manche würden vielleicht sagen: überraschend – gut verkaufte. Beim hiesigen Publikum jedenfalls war klar, auf wessen Seiten die Sympathien lagen. So ging bei etlichen Aussagen Palins ein leises Gelächter durch den Raum, beispielsweise als sie auf die Diktatoren zu sprechen kam („with some of these dictators, who hate America (!), …“), McCains militärische Vergangenheit hervorhob („John McCain knows what evil is…“) oder – begleitet von einem Augenzwinkern – ihren Vater im Publikum grüsste („My dad, who is in the audience today, …“). Biden erntete derweil einmal richtigen (und den an diesem Abend insgesamt einzigen) Applaus, als er behauptete, dass Cheney der wahrscheinlich gefährlichste Vizepräsident sei, den Amerika je gehabt habe.

Je länger die Debatte dauerte, desto mehr kam die emotionale Seite von Palin zum Ausdruck – die Seite, die sie einerseits angreifbarer, andererseits aber wohl für viele Amerikanerinnen und Amerikaner auch fassbarer macht. Als Mutter, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, und Vertreterin der Main Street (im Gegensatz zur Wall Street). In ihrem Eifer leistete sie sich dann jedoch auch noch den Versprecher des Abends: „John McCain, he is the man we have to leave… lead.“

Palins Euphorie und Amerika-Verbundenheit („America is a nation of exceptionalism“) zum Trotz: Biden schien mir am heutigen Abend insgesamt überzeugender und glaubwürdiger aufzutreten. Also 1:0 für ihn nach Punkten.

Insgesamt stünden wir damit bei einem 2:1 nach 2 von 4 Debatten, ungeachtet aller anderen Faktoren und der Einschätzung der Debatten durch die Presse, von denen ich bislang keine einzige gelesen habe. Am heutigen Abend würde ich also auf Obama als nächsten Präsidenten tippen, zumal ihm als Vertreter der Herausforderer die aktuelle Finanzkrise wahrscheinlich eher helfen denn schaden wird.

Wir dürfen in jedem Fall gespannt sein.

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