Hyde Park Jazz Festival 08

Drinnen tobte die Menge, und ich stand – mit einem Dutzend weiterer Zuspätgekommenen – vor der Türe zur Assembly Hall des International House und haderte mit dem Schicksal, resp. mit dem Türsteher: „We’re full. Sorry, I can’t let you in. I wanna keep my job.“ Der freundliche schwarze Türsteher war in seiner Situation wirklich nicht zu beneiden, tat er doch nur, wie ihm gesagt: Wirklich niemanden mehr hineinzulassen.

Grund für das volle Haus am letzten Samstagabend ab 20.30 Uhr: Die Zweitauflage des Hyde Park Jazz Festivals, im Rahmen dessen während des ganzen Nachmittags und Abends an verschiedenen Orten in der Hyde Park Gegend kostenlose Jazz-Leckerbissen zum Besten gegeben wurden. Ich hatte mir die letzte Viertelstunde des ersten Konzerts im International House – auf der Bühne standen der Pianist John Wight und seine Band – angehört und danach im Esssaal etwas Kleines gegessen. Als ich einige Minuten nach 20.30 Uhr zurückkam, stand ich dann vor beschriebener verschlossener Türe. Der Türsteher war indes so nett und öffnete die Türe einen Spalt, sodass wir Wartenden zumindest erahnen konnten, welche musikalische Show im Innern der Assembly Hall dargeboten wurde.

Allen Beteuerungen, der Saal sei voll, und Aufforderungen, wir sollten gehen und erst zur 22-Uhr-Show zurückkommen, zum Trotz, harrten einige andere Hartgesottene und ich vor der theoretisch offenen, aber praktisch dennoch verschlossenen Türe aus. In der Hoffnung, das Schicksal würde sich doch noch zum Guten wenden – und der Chef des Türstehers etwas Nachsicht zeigen und uns zumindest einen Teil des Konzerts gönnen. Der Türsteher liess sich derweil auch von den verschiedenen Konzertbesucher, die den Saal im Verlaufe des Konzerts verliessen, und unseren damit verbundenen „Now there are empty seats“-Überzeugungsversuchen nicht beeindrucken. Befehl ist Befehl. Basta.

Doch Fortuna meinte es gut mit uns, an jenem Abend. Und nachdem sich zwischenzeitlich ein paar mittelalte Semester vorgedrängelt hatten, durfte ich mit der zweiten 10-Personen-Refill-Tranche den Konzertsaal um ca. Viertel nach neun Uhr doch noch betreten. Was mich erwartete, war mehr als eine blosse Kompensation für die lange Wartezeit: Jazz vom Feinsten, angeführt von Orbert Davis an der Trompete (Bild), begleitet durch Ari Brown am Tenor-Sax, Ryan Cohan am Piano, Stewart Miller am Bass und Ernie Adams am Schlagzeug.

Weltklasse, was namentlich Trompeter, Saxophonist und Schlagzeuger zum Besten gaben. So musste sich Orbert Davis fast entschuldigen, als er den Schluss des Konzertes ankündigte – mit der Bemerkung, dass es eigentlich illegal sei, ein solches Konzert überhaupt zu beenden. Der Saal tobte und ehrte die Band mit einer warmen Standing Ovation.

Um zumindest nicht vollständig in die Illegalität abzudriften, liess ich den Abend in der Folge mit vier weiteren tollen Jazz-Stunden ausklingen – zuerst mit Chicago’s Greatest Guitars (Curtis Robinson, Buddy Fambro und Henry Johnson), danach ab Mitternacht mit der abschliessenden Jam Session. Auffällig: Je fortgeschrittener die Stunde, desto weniger Weisse hatte es im Saal – und doch fühlte ich mich in dieser Situation so heimisch wie kaum in einer anderen Stunde in den USA zuvor.

Finally, als sich die Reihen langsam lichteten und meine Augen immer schwerer wurden, spielte ich gegen 01.45 Uhr mit dem Gedanken, die Jam Session vielleicht doch bereits eine Viertelstunde vor Schluss zu verlassen.

Ich tat es nicht, und um 01.55 Uhr wusste ich auch weshalb: Es wäre schlicht viel zu schade gewesen, das gesangliche Schlussbouquet zu verpassen. Insgesamt definitely a Jazz night to remember.

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