Spitäler

Glücklicherweise verbinde ich auch nach einem fünfmonatigen Tokyo-Aufenthalt mit Japans Spitälern nicht mehr, als diese grossartige Filmsequenz aus „Lost in Translation“:

Bei den heutigen Vorbereitungen für die Prüfung vom kommenden Freitag („Aktuelle Wirtschaftspolitik“, dieses Mal) bin ich indes zufällig über die folgenden beiden spannenden Grafiken gestolpert.

Bettendichte in der Akutversorgung (pro 1000 Einwohner) im Jahr 2003

Verweildauer in der Akutversorgung (in Tagen) im Jahr 2003

Japan weist also im internationalen OECD-Vergleich nicht nur die höchste Anzahl Spital-Betten pro 1000 Einwohner auf, sondern die Japanerinnen und Japaner verweilen durchschnittlich auch rund dreimal so lange im Spital wie Schweizerinnen und Schweizer.

Während sich die hohe Bettenzahl als Folge der langen Verweildauer sehen lässt (wenn die einzelnen Patienten überdurchschnittlich lange im Spital verweilen, braucht es auch überdurchschnittlich viele Betten), ist mir letztere ein Rätsel. Weshalb bleiben Japanerinnen und Japaner so lange im Spital?

Wissenschaftlich erhärtete Fakten (oder auch wilde Spekulationen) herzlich willkommen.

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11 Antworten to “Spitäler”

  1. mds Says:

    Die Realität sieht üblicherweise umgekehrt aus: Ein Spital hat x Betten, die es mit y Patienten auslasten muss … sprich die Bettenzahl resultiert nicht aus einer notwendigen langen Verweildauer, sondern das Gegenteil ist der Fall. Es ist ja nicht so, dass in Japan die Menschen häufiger unter Gebrechen leiden, die eine lange Verweildauer im Spital bedingen, als die Menschen in Dänemark. Alles eine Frage der Anreizsysteme …

  2. kokoa41 Says:

    Spannender Einwand, der die Frage aufwirft: Was war zuerst, das Huhn (lange Verweildauer) oder das Ei (grosse Bettenzahl)?
    Ich tippte spontan auf ersteres, da ich mir nur schwer vorstellen kann, dass ein Spital eigentlich genesene Menschen allein aus Auslastungsgründen nochmals zweimal so lange im Spital behalten kann, du auf zweiteres.

    Folglich kann meine gestellte Frage nach der Ursache für die lange Verweildauer also gerne auch mit einer Begründung für die hohen japanischen Bettenzahlen beantwortet werden.

  3. mds Says:

    Spannender Einwand, der die Frage aufwirft: Was war zuerst, das Huhn (lange Verweildauer) oder das Ei (grosse Bettenzahl)?
    Ich tippte spontan auf ersteres, da ich mir nur schwer vorstellen kann, dass ein Spital eigentlich genesene Menschen allein aus Auslastungsgründen nochmals zweimal so lange im Spital behalten kann, du auf zweiteres.

    Zuerst der Spitalaufenthalt, dann das Bett? Schwierig, sehr schwierig … 😉

    Für die Schweiz habe ich in Erinnerung, dass es Studien dazu gibt. Sollte ich fündig werden, melde ich mich nochmals … wobei auch Studien natürlich mit Vorsicht zu geniessen sind; im Gesundheitswesen sind Studien üblicherweise noch interessenbetonter als in anderen Bereichen.

  4. bl Says:

    Wie sieht es in Japan mit Rehabilitationsplätzen aus? Die abgebildeten Graphiken betrachten ja bloss die Situation in der Akutversorgung…

  5. mds Says:

    @bl: In einem Onsen ist die Aufenthaltszeit naturgemäss begrenzt! 😉

  6. kokoa41 Says:

    Nachdem ich mich heute rund eine Stunde lang mit dem OECD-Report „Health at a Glance 2007“ (Bericht leider nicht öffentlich zugänglich) beschäftigt habe, kann ich ich nunmehr (wie ich hoffe) ein paar Fragezeichen aus der Welt zu räumen.

    Nach dem Studium der Informationen zur Bettenauslastung und Verweildauer in der Akutversorgung im Jahre 2005 bin ich zum Schluss gekommen, dass die beiden überdurchschnittlich hohen Werte Japans auf mehrere Ursachen zurückzuführen sind. Im Vordergrund steht dabei wahrscheinlich der Umstand, dass in Japan auch etliche Behandlungen (und damit auch die hierfür benötigten Betten) zur Akutversorgung gezählt werden, die eigentlich korrekterweise in die Kategorie der längerfristigen Betreuung gehören würden.

    Both Japan and Korea evidence phenomena of „social admission“, that is, some „acute care“ beds may be devoted to long-term care use.

    Da die durchschnittliche Verweildauer mittels Division der gesamten Anzahl Patiententage in der Akutversorgung durch die Anzahl Betten in der Akutversorgung errechnet wird, scheint es vor diesem Hintergrund logisch, dass sowohl die japanische Verweildauer als auch die Bettenzahl in der Akutversorgung im internationalen Vergleich hoch liegen: Einerseits werden mehr Betten zur Akutversorgung gezählt, andererseits verweilen jene Patienten, die eigentlich in die Kategorie „längerfristige Betreuung“ zu zählen wären, länger im Spital als normale Patienten in der Akut-Abteilung. Die OECD hält zum Punkt Verweildauer denn auch fest:

    Coss-country comparisons should therefore be interpreted with caution.

    Als weiteren Grund für die lange Verweildauer führt die OECD aber auch jenes Argument an, das mds in seinem ersten Kommentar zur Sprache brachte:

    Abundant supply of beds might have provided hospitals with incentives to keep patients longer in Japan (Jeong et al., 1994).

    Inwieweit dieser Umstand, der im Jahr 1994 konstatiert wurde, heute noch zutrifft, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

    Wahrscheinlich trägt zusätzlich auch das Finanzierungssystem des Gesundheitswesens das seinige zur langen Verweildauer resp. zur hohen Bettenzahl bei; im OECD-Bericht konnte ich diesbezüglich jedoch keine direkten Aussagen für Japan ausfindig machen.

    Hinsichtlich längerfristiger Betreuungsplätze („Long-term care beds in hospitals and nursing homes“) besagt der OECD-Bericht Folgendes:

    The number of long-term care (LTC) beds in hospitals and in nursing homes provides a measure of the physical capacity available for people requiring ongoing health and nursing care. Care provided in each institutional setting is often a mix of health and social services. Long-term care beds are, for the most part, used to care for elderly people with chronic illness and disability.
    There is wide variation however across countries in the overall number of LTC beds, and this number also varies widely by care setting. Switzerland and Sweden have about five times more LTC beds in nursing homes per person aged 65 and over than Japan and Italy. However, in Japan, more than half of LTC beds are in hospitals, although the number of beds in nursing homes has been growing.
    In Japan and Luxembourg, there has been a rapid increase in the number of nursing homes beds in recent years.

    Der OECD-Durchschnitt liegt bei 40 Betten pro 1000 Einwohner, die Schweiz liegt an der OECD-Spitze mit 72 Betten, Japan im hinteren Teil der Rangliste mit 27 Betten. Die Alternativen zu den Onsen sind zwar also begrenzt, aber es gibt sie – in steigendem Masse. 😉

  7. mds Says:

    Danke für Deine Abklärungen! 😀

    Per Google habe ich http://puck.sourceoecd.org/vl=2196294/cl=15/nw=1/rpsv/health2007/index.htm – das dürfte in etwa Deiner Quelle entsprechen?

  8. Takuya Says:

    Ich bleibe mal beim Filmchen und möchte diesem japanischen Grosi offiziell meine absolute Zuneigung zusprechen. Vielleicht etwas älter als Scarlett, dafür umso sportlicher (?) und vor allem Feuer und Flamme für Pazifik-überschreitende Freundschaften! Diese Szene wirkt auf mich so reell, dass ich fast daran zweifle, ob das nun wirklich gespielt war. Die beiden Damen im Hintergrund, die sich vor lauter Lachen fast nicht mehr auf den Stühlen halten können, aber dennoch ihre Hand dezent vor den Mund halten… Ich liebe diesen Film!

  9. kokoa41 Says:

    @ Takuya:
    Dem ist – auch mit dreiwöchiger Verspätung meinerseits – eigentlich nichts beizufügen. Ausser vielleicht, dass ich bislang (offensichtlich fälschlicherweise) davon ausgegangen war, dass es sich nicht um ein japanisches Grosi, sondern um einen japanischen Opa handeln würde. So kann man sich täuschen.

  10. Takuya Says:

    Da hinterlasse ich mit knapp zweiwöchiger Verspätung ein Schmunzeln. 😉

  11. kokoa41 Says:

    Dankeschön. 🙂

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