Madrilenische Neujahrserinnerungen an Tokyo

Neujahrsfeuerwerk 2008 an der Puerta del Sol in Madrid

Kurz bevor ich mich am 28. Dezember auf den Weg zum Flughafen machte, liess ich mich in einer E-Mail zur folgenden Aussage hinreissen:

Heute Nachmittag werde ich nach Spanien fliegen und bis am 1. Januar einen Kollegen von mir besuchen, der dort seinen Austausch verbringt. Ich werde also dieses Jahr nicht im Meiji-jingu, sondern in Madrid Neujahr feiern, wo es wahrscheinlich etwas weniger Leute haben wird… 😉

Dreieinhalb Tage später, zur Mitternachtszeit auf dem Platz der Puerta del Sol in Madrid, sollte ich zwar mit meiner Aussage Recht behalten (der Meiji-jingu in der Neujahrsnacht ist wahrscheinlich bloss durch den Meiji-jingu am Neujahrstag zu toppen), aber von der grossen Menschenmenge am madrilenischen „Place to be“ in der Silvesternacht doch überrascht sein.

Gänzlich in meine Tokioter Zeiten zurückversetzt fühlte ich mich aber erst am Neujahrsmorgen, als wir nach durchgefeierter Nacht um 7 Uhr eine der ersten Metro-Züge bestiegen: Der Wagen war an unserer Haltestelle beinahe so vollgestopft wie zu besten Tokioter Rush-Hour-Zeiten, was mir Gelegenheit bot, meinem Schweizer Compañero die typische Einstiegsbewegung der japanischen Rush-Hour-Pendler praktisch zu demonstrieren. (Beschreibungsversuch für alle, die es interessiert: Beim Einsteigen seitwärts mit einer Schulter in den Wagen drücken, sich mit der entsprechenden Hand an der Innenseite über der Türe festhalten – und dann Oberkörper in parallele Position zur Türe bringen und mit beiden Schultern kräftig nach innen drücken, wenn sich die Türen zu schliessen beginnen.)

Auch sonst weckte Madrid einige Erinnerungen an Tokyo in mir, auch wenn die spanische Hauptstadt – ganz im Gegensatz zu Wien – viel stärker in chinesischer denn in japanischer Hand zu sein scheint. Zu erwähnen wäre beispielsweise, dass in Madrid offensichtlich wie in Japan das Geschirr grundsätzlich kalt abgewaschen und auf das Abtrocknen verzichtet wird (jedenfalls war das in meiner japanischen Gastfamilie so, und jetzt in der spanischen WG auch). Wir Schweizer scheinen mit dem Luxus, das Geschirr warm abzuwaschen, also zu den Exoten zu gehören.

Da die Madrider Reinigungsangestellten der Metro zurzeit gerade streiken, waren die Metro-Stationen verständlicherweise um ein Vielfaches schmutziger als die japanischen Bahnhöfe (würde mich nebenbei bemerkt interessieren, wie die japanischen Bahnhöfe in derselben Situation aussehen würden – meine Vermutung: wahrscheinlich (fast) so sauber wie immer). Ansonsten unterscheidet sich die Madrider Metro aber nicht stark von der Tokioter, ausser dass sie über weniger Festhaltestangen verfügt als ihr Tokioter Pendant (dafür aber eine Handvoll praktische Anlehn-Stehsitze pro Wagen aufweist) und dass die Ticket Gates nicht an das Gute im Menschen glauben.

Zu erwähnen bleibt abschliessend das beim nächtlichen Neujahrsspaziergang zufällig angetroffene Kleidergeschäft Kimono Gion, das im Fenster einen Haori zur Schau stellt, wie man ihn in Japan (zum Glück) in der Öffentlichkeit mit Sicherheit nie zu sehen bekommt: mit einem weit ausgeschnittenem Dekolleté und nichts drunter.

So oder so: Madrid ist eine sehr schöne Stadt und nicht nur, aber besonders über Silvester definitiv eine Reise wert. Auch wenn man dabei auf dem Heimweg vom Ausgang resp. von den Neujahrsfeierlichkeiten wie in der Schweiz auf einen konbini-Besuch verzichten muss.

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