Archive for Januar 2008

Spitäler

30. Januar 2008

Glücklicherweise verbinde ich auch nach einem fünfmonatigen Tokyo-Aufenthalt mit Japans Spitälern nicht mehr, als diese grossartige Filmsequenz aus „Lost in Translation“:

Bei den heutigen Vorbereitungen für die Prüfung vom kommenden Freitag („Aktuelle Wirtschaftspolitik“, dieses Mal) bin ich indes zufällig über die folgenden beiden spannenden Grafiken gestolpert.

Bettendichte in der Akutversorgung (pro 1000 Einwohner) im Jahr 2003

Verweildauer in der Akutversorgung (in Tagen) im Jahr 2003

Japan weist also im internationalen OECD-Vergleich nicht nur die höchste Anzahl Spital-Betten pro 1000 Einwohner auf, sondern die Japanerinnen und Japaner verweilen durchschnittlich auch rund dreimal so lange im Spital wie Schweizerinnen und Schweizer.

Während sich die hohe Bettenzahl als Folge der langen Verweildauer sehen lässt (wenn die einzelnen Patienten überdurchschnittlich lange im Spital verweilen, braucht es auch überdurchschnittlich viele Betten), ist mir letztere ein Rätsel. Weshalb bleiben Japanerinnen und Japaner so lange im Spital?

Wissenschaftlich erhärtete Fakten (oder auch wilde Spekulationen) herzlich willkommen.

Walfang

27. Januar 2008

Auch wenn ich kein Greenpeace-Aktivist bin und ein gutes Stück Fleisch oder Fisch durchaus zu schätzen weiss: Mit der japanischen Walfang-Politik kann ich mich beim besten Willen nicht anfreunden.

Obwohl die kommerzielle Jagd auf die Meeressäuger bereits seit 1986 verboten ist, ist die japanische Walfangflotte gemäss NZZ-Artikel vom Freitag entgegen einer internationalen Vereinbarung in ein von Neuseeland kontrolliertes Seegebiet in der Antarktis eingelaufen. Ziel der Mission: Erlegung von bis zu 1000 Zwerg- und Finnwalen, offiziell zu wissenschaftlichen Zwecken.

1000 tote Zwerg- und Finnwale für die Forschung? Wers glaubt wird selig.

Hokkaidō Stew

24. Januar 2008

Hokkaido Stew Cream

Zu Weihnachten hatte ich von meinen ehemaligen Gasteltern alles erhalten, was für die Zubereitung eines Hokkaidō-Eintopfs erforderlich ist: Originale Hokkaidō Stew Cream – und das entsprechende Eintopf-Rezept meiner japanischen Gastmutter. Alle weiteren Zutaten wie Kartoffeln, Kartotten, Zwiebeln, Mais und Fleisch (da das Rezept mit „any kind of meat“ viel Spielraum bot, entschied ich mich für Rindsvoressen) liessen sich ohne weiteres auch im lokalen Supermarkt auftreiben.

Das samstägliche Geköche dauerte dann zwar etwas länger als geplant – das Resultat jedoch liess sich wenn nicht sehen, dann doch zumindest sehr wohl schmecken. Ich jedenfalls, der ich während meines Japan-Aufenthalts meinen von der Gastmutter zubereiteten Lieblings-Eintopf jeweils genüsslichst zum Frühstück verspiesen hatte (vor allem im Winter, wenn es morgens im ungeheizten Wohnzimmer sehr frisch war), war mit dem Ergebnis zufrieden. Und meine Familie war es auch.

Der unverkennbaren Hokkaidō Stew Cream sei Dank.

Hokkaido Stew

Hundewagen

19. Januar 2008

An was denken Sie, wenn Sie den Begriff „Hundewagen“ hören?

Vielleicht an ein Gefährt der folgenden Art?

Hundewagen

Oder an eine etwas sportlichere Variante?

Hundewagen

Japaner würden mit diesem Begriff wahrscheinlich etwas ganz anderes in Verbindung bringen, wie ich bei der Lektüre des Blog-Posts „Die spinnen, die Japaner (1)“ von Manuel (der mir auch die nachfolgende Foto verdankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat) lernen musste: Nicht der Hund zieht den Menschen, sondern der Mensch kutschiert den Hund – resp. das Hündchen.

Japanischer Hundewagen

Und ich dachte bereits, Hundekleider wären der Gipfel der japanischen Hunde-Fürsorge. Weit gefehlt.

Immerhin habe ich Wikipedia auf meiner Seite.

Bürokratie

14. Januar 2008

Nachdem ich vor einem knappen Jahr meine Bewerbungsunterlagen für die Austausch-Anmeldung an der Sophia University zusammengestellt hatte, war ich angesichts der Fülle an auszufüllenden Formularen überzeugt: Japan muss ein sehr bürokratisches Land sein. Oder im O-Ton aus meinem Erfahrungsbericht:

Die Vorbereitungen sind wahrscheinlich der mühsamste Teil des Austauschs an der Sophia University: japanische Bürokratie von ihrer besten Seite.

Diese Vorstellung vom japanischen Staatsapparat hielt sich bis zum heutigen Tage in meinen Kopf, auch wenn mich die japanische Bürokratie während meines Japan-Aufenthalts einmal sehr positiv überraschte, nämlich dann, als ich meine Gaijin Card (Ausländer-Ausweis) ein paar Tage zu spät bei der Einwohnerkontrolle abholte und mir dabei entgegen der Androhung auf dem Schreiben keine Busse für mein Zuspätabholen auferlegt wurde.

Heute, bei den Vorbereitungen für meine morgige Prüfung im Fach „Neue Politische Ökonomie“ (ja, auch das gibts), hat sich dieses Bild zwar nicht gewandelt, es wurde aber doch um eine für mich überraschende Facette ergänzt:

Wie die nachfolgende Tabelle zeigt, sind resp. waren zumindest bis Ende 80er Jahre in Japan im internationalen Vergleich verhältnismässig sehr wenig Erwerbstätige im öffentlichen Sektor angestellt. An zweiter Stelle folgt die Schweiz, was mir (ganz unverhofft) wieder einmal die Möglichkeit eröffnet, auf die vielen Parallelen zwischen der Schweiz und Japan zu verweisen.

Anteil der im öffentlichen Sektor beschäftigten Erwerbstätigen

An meiner (Kunden-)Sichtweise von Japan als bürokratischem Land ändert sich damit indes nichts. Aber auch in dieser Hinsicht sind wir uns ja aus der Schweiz ganz ähnliches gewohnt.

Gerne verweise ich an dieser Stelle abschliessend auf den zweiten Teils eines (soeben zufällig per Google aufgestöberten) Artikels eines österreichischen Zeitgenossen, der nicht nur eine detaillierte Beschreibung der japanischen Beamten liefert, sondern auch die unterschiedlichen Reaktionen eines Österreichers und eines Deutschen in derselben Situation auf herrliche Weise nachzeichnet. Lektüre wärmstens empfohlen!

[Quelle der Tabelle: Frey, B. S. & Kirchgässner, G. (2002). Demokratische Wirtschaftspolitik. 3. Auflage. München: Vahlen. S. 169]

Kundenfreundlichkeit

5. Januar 2008

Wie gesagt (über Angestellte in konbini und Servierpersonal in Restaurants): Kundenfreundlichkeit wird in Japan nicht nur gross geschrieben, sondern tagtäglich gelebt.

Mit Sicherheit träumt auch die japanische Verkäuferin in Tokio am Ende eines strengen Arbeitstages vom freien Wochenende, doch würde es ihr nie im Leben einfallen, den Kunden ihren Verdruss oder Ärger spüren zu lassen.

In seinem Artikel, aus dem obiges Zitat stammt, hält Urs Schoettli, NZZ-Korrespondent in Japan, weitere lesenswerte Gedanken zur Frage, „was Europa von Asien lernen kann„, bereit.

Etwas kontroverser, aber nicht minder lesenswert ist sein zweiter am heutigen Tage erschienener Artikel „Eliten als wichtige Pfeiler der Gesellschaft„, der sich stärker mit den Folgerungen für Europa beschäftigt und mit den folgenden Sätzen beginnt:

Das Erste, was man von vielen wackeren Schweizern zu hören bekommt, wenn man sie fragt, wie es ihnen gehe, ist «Stress» – ein Wort, das man bei Begegnungen mit Asiaten noch nie gehört hat. Ein japanischer Bekannter, auf Besuch in der Schweiz, meint, dass es ihm unverständlich sei, wie überhaupt ein Schweizer auf die Idee kommen könne, er hätte ein an Stress reiches Leben. Auf dem morgendlichen Pendlerzug von Luzern nach Zürich bezeichnet er die Fahrt als «reines Ferienvergnügen», was man leicht nachvollziehen kann, wenn man bedenkt, in welchen Sardinenbüchsen die «salary men» in Tokio pendeln müssen.

Denken wir am Montagmorgen daran. Oder versuchen wir es zumindest.

PS: Vielen Dank an Tom für die beiden Lesetipps!

Neujahrsrede des japanischen Premierministers Yasuo Fukuda

3. Januar 2008

In der heutigen Ausgabe der Aargauer Zeitung war unter dem Titel „Fukuda-Video ist ein Flop“ zu lesen:

Der japanische Regierungschef Yasuo Fukuda will im neuen Jahr seinen internationalen Bekanntheitsgrad steigern und hat deswegen seine Neujahrsbotschaft auf der Video-Plattform Youtube platziert. Das Interesse an den Ausführungen Fukudas hielt sich aber in Grenzen. Bis gestern (02. Januar 2008) wollten sich nur rund 500 Menschen den englischsprachigen Clip anschauen, und niemand schrieb einen Kommentar dazu.

Auch wenn die Neujahrsansprache mittlerweile (03. Januar 2008, 23.30 Uhr) von gut 10’000 Personen abgerufen worden ist, will ich es nicht unterlassen, mit dem Verweis auf das entsprechende Youtube-Video den japanischen Premierminister bei seinem Versuch der Steigerung seines Bekanntheitsgrades zu unterstützen. Wer weiss, vielleicht reicht es ja dann irgendwann auch für einen ersten Kommentar.

Wer die japanische Version bevorzugt, wird hier fündig. Man beachte dabei den typischen japanischen Neujahrswunsch 新年明けましておめでとうございます (shinnen akemashite omedetou gozaimasu) als Eröffnung der Ansprache.

Madrilenische Neujahrserinnerungen an Tokyo

3. Januar 2008

Neujahrsfeuerwerk 2008 an der Puerta del Sol in Madrid

Kurz bevor ich mich am 28. Dezember auf den Weg zum Flughafen machte, liess ich mich in einer E-Mail zur folgenden Aussage hinreissen:

Heute Nachmittag werde ich nach Spanien fliegen und bis am 1. Januar einen Kollegen von mir besuchen, der dort seinen Austausch verbringt. Ich werde also dieses Jahr nicht im Meiji-jingu, sondern in Madrid Neujahr feiern, wo es wahrscheinlich etwas weniger Leute haben wird… 😉

Dreieinhalb Tage später, zur Mitternachtszeit auf dem Platz der Puerta del Sol in Madrid, sollte ich zwar mit meiner Aussage Recht behalten (der Meiji-jingu in der Neujahrsnacht ist wahrscheinlich bloss durch den Meiji-jingu am Neujahrstag zu toppen), aber von der grossen Menschenmenge am madrilenischen „Place to be“ in der Silvesternacht doch überrascht sein.

Gänzlich in meine Tokioter Zeiten zurückversetzt fühlte ich mich aber erst am Neujahrsmorgen, als wir nach durchgefeierter Nacht um 7 Uhr eine der ersten Metro-Züge bestiegen: Der Wagen war an unserer Haltestelle beinahe so vollgestopft wie zu besten Tokioter Rush-Hour-Zeiten, was mir Gelegenheit bot, meinem Schweizer Compañero die typische Einstiegsbewegung der japanischen Rush-Hour-Pendler praktisch zu demonstrieren. (Beschreibungsversuch für alle, die es interessiert: Beim Einsteigen seitwärts mit einer Schulter in den Wagen drücken, sich mit der entsprechenden Hand an der Innenseite über der Türe festhalten – und dann Oberkörper in parallele Position zur Türe bringen und mit beiden Schultern kräftig nach innen drücken, wenn sich die Türen zu schliessen beginnen.)

Auch sonst weckte Madrid einige Erinnerungen an Tokyo in mir, auch wenn die spanische Hauptstadt – ganz im Gegensatz zu Wien – viel stärker in chinesischer denn in japanischer Hand zu sein scheint. Zu erwähnen wäre beispielsweise, dass in Madrid offensichtlich wie in Japan das Geschirr grundsätzlich kalt abgewaschen und auf das Abtrocknen verzichtet wird (jedenfalls war das in meiner japanischen Gastfamilie so, und jetzt in der spanischen WG auch). Wir Schweizer scheinen mit dem Luxus, das Geschirr warm abzuwaschen, also zu den Exoten zu gehören.

Da die Madrider Reinigungsangestellten der Metro zurzeit gerade streiken, waren die Metro-Stationen verständlicherweise um ein Vielfaches schmutziger als die japanischen Bahnhöfe (würde mich nebenbei bemerkt interessieren, wie die japanischen Bahnhöfe in derselben Situation aussehen würden – meine Vermutung: wahrscheinlich (fast) so sauber wie immer). Ansonsten unterscheidet sich die Madrider Metro aber nicht stark von der Tokioter, ausser dass sie über weniger Festhaltestangen verfügt als ihr Tokioter Pendant (dafür aber eine Handvoll praktische Anlehn-Stehsitze pro Wagen aufweist) und dass die Ticket Gates nicht an das Gute im Menschen glauben.

Zu erwähnen bleibt abschliessend das beim nächtlichen Neujahrsspaziergang zufällig angetroffene Kleidergeschäft Kimono Gion, das im Fenster einen Haori zur Schau stellt, wie man ihn in Japan (zum Glück) in der Öffentlichkeit mit Sicherheit nie zu sehen bekommt: mit einem weit ausgeschnittenem Dekolleté und nichts drunter.

So oder so: Madrid ist eine sehr schöne Stadt und nicht nur, aber besonders über Silvester definitiv eine Reise wert. Auch wenn man dabei auf dem Heimweg vom Ausgang resp. von den Neujahrsfeierlichkeiten wie in der Schweiz auf einen konbini-Besuch verzichten muss.