Fremdsprachen

Als ein Freund von mir vor einigen Monaten nach Japan reiste, war dieser ganz überrascht, dass viele Japaner – im Gegensatz zu den Bewohnern manch anderer asiatischer Länder – mit dem Englischen grosse Schwierigkeiten bekunden.

Diese weitgehende „Ich verstehe kein Englisch“-Haltung vieler Japaner überrascht umso mehr, als das Studium von Fremdsprachen in Japan grossgeschrieben wird und heutzutage alle Schüler bereits in der Schule in den Genuss von Englischunterricht kommen. Populär ist daneben vor allem auch das Lernen von Sprachen im Rahmen von Radio-Sendungen mit begleitenden Unterlagen in der Form monatlich erscheinender Büchlein.

Diese Diskrepanz zwischen der grossen Popularität von Fremdsprachen einerseits und der oftmals überraschend tiefen Kommunikationsfähigkeit in der Fremdsprache andererseits ist nach meinen Erfahrungen in erster Linie auf die Art des Sprachunterrichts in Japan zurückzuführen. Während Grammatik und Vokabular grossgeschrieben werden, kommt die praktische Anwendung der erlernten Bestandteile der Sprache in der Regel deutlich zu kurz. So habe ich beispielsweise von einem befreundeten Englisch-Lehrer erfahren, dass in seinem Englisch-Unterricht nur während zweier Wochen im Jahr (!) Englisch gesprochen wird, wenn amerikanische Aushilfskräfte den mündlichen Gebrauch der Sprache fördern helfen. Ansonsten ist die Unterrichtssprache im Englischunterricht Japanisch. Kein Wunder also, dass vielen Japanern im Alltag das Rüstzeug für mündliche Kommunikation in der Fremdsprache fehlt.

Hinzu kommt, dass der Fremdsprachenunterricht in Japan in meinen Augen zuweilen falsche Prioritäten legt. Wenn mir beispielsweise eine japanische Uni-Studentin, die erst seit anderthalb Jahren Deutsch lernt, erzählt, sie würde im Unterricht Goethe lesen, sie selber aber die Wochentage auf Deutsch nicht kennt, werde ich stutzig. Goethe habe ich zwar auch gelesen – aber erst während der Mittelschule, nach immerhin gut 9 Jahren Deutschunterricht. Für ihre Deutsch-Prüfungen musste die besagte Studentin zudem anstatt einzelne Wörter ganze Sätze auswendig lernen. Die Bedeutung der einzelnen Wörter der auswendig gelernten Deutsch-Sätze kannte sie dabei oft nicht, wie sie mir gestand.

Vor diesem Hintergrund vermochten mich die folgenden Zeilen, angetroffen in einem Blog-Post von seastorm über die Personen im Französisch-Konversationskurs in einer welschen Migros-Klubschule, nicht wirklich zu überraschen:

Dann gibt es noch den scheuen Japaner. Wenn er spricht, dann studiert er vor jedem Wort 10 Minuten, bis es ihm in den Sinn kommt. Dann sagt er es zaghaft und reiht so Wort an Wort… Das braucht Geduld und natürlich auch hier mit starkem Akzent.

Zur Verteidigung der Japaner wäre aber vielleicht noch anzufügen: Ich war an der Sophia University während vierer Monate – zu meiner grossen Überraschung – in den Genuss von bestem Japanisch-Sprachunterricht gekommen. Dennoch habe ich zurzeit im wöchentlichen Japanisch-Konversationskurs an der Universität St. Gallen jedes Mal von neuem einen – gelinde gesagt – schweren Stand.

Immerhin masse ich mir aber auch nicht an, mit meinen spärlichen Japanisch-Kenntnissen bereits japanische Klassiker lesen zu wollen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: