Archive for Dezember 2007

merii kurisumasu

24. Dezember 2007

Fried Chicken

Ich hoffe, dass du dieses Jahr echte Weihnachten hast.

Diese Worte meines ehemaligen Gastvaters aus Japan, die mich mit der Weihnachtspost erreichten, werde ich mir über die Festtage zu Herzen nehmen. Da ich zudem über Neujahr einen kurzen Abstecher nach Madrid machen werde, wird es im Blog in den nächsten Tagen voraussichtlich eher ruhig bleiben.

Wer über die Feiertage trotzdem gerne etwas von mir lesen möchte, dem empfehle ich meine Berichte über die Weihnachts- und Neujahrsfeierlichkeiten in Japan aus dem vergangenen Jahr:

Weihnachten in Japan: kurisumasu
Ausnahmezustand im Meiji-jingu: Neujahr (ohne Feuerwerk)
Sake zum Frühstück: Neujahrsmorgen
Freud und Leid zugleich: Neujahrskarten (soweit das Auge reicht)

Dafür, dass ich dieses Jahr auch in der Schweiz die japanische Form von kurisumasu nicht ganz missen muss, ist seit dem heutigen Mittagessen bereits gesorgt: Es gab Pouletschenkel (wie wir Schweizer zu sagen pflegen) – Japans Weihnachtsspeise Nummer 1. Selbstverständlich hatten die Fried Chicken letztes Jahr auch beim Nachtessen an Heiligabend im Kreise meiner Gastfamilie nicht fehlen dürfen, wie obiges Bild belegt.

Ich wünsche all meinen treuen Blog-Leserinnen und -Lesern frohe und erholsame Festtage und einen guten Rutsch in ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr.

よいお年を!

konbini

23. Dezember 2007

Konbini 7-Eleven

Bereits verschiedentlich habe ich in meinem Blog auf eine praktische Institution Japans verwiesen, die ich in der Schweiz vermisse: die 24 Stunden am Tag und an 365 Tagen im Jahr geöffneten Convenience Stores, auf japanisch kurz konbini (コンビニ) genannt.

Beinahe an jeder grösseren Strassenecke Japans findet sich – als Ergänzung zu den noch weiter verbreiteten Verkaufsautomaten (jidohanbaiki) – ein solcher „Hightech-Multiservicestore im Tante-Emma-Laden-Format“, wie Robin Loch die Bequemlichkeits-Läden in seinem lesenswerten Artikel „Der Konbini – Bequeme Konsumoase“ treffend bezeichnet.

Es gibt praktisch nichts, was ein konbini nicht an Dienstleistungen und Waren zur erfolgreichen und bequemen Bewältigung des Alltags bietet. In erster Linie sind die konbini kleine Supermärkte, wie wir sie in der Schweiz von den immer beliebter werdenden Tankstellenshops her kennen. Gleichzeitig ist ein konbini aber – neben anderem – auch noch Schnellrestaurant, Post, Bank, Copy-Shop, Ticket-Service und verfügt zudem stets über eine Toilette, was nicht nur, aber ganz speziell für Touristen äusserst praktisch ist. Geschätzt habe ich persönlich neben dem Essens- und Getränkeangebot vor allem auch die Möglichkeit, meine Mobiltelefon-Rechnungen im konbini zu begleichen.

Um diese umfassende Servicequalität erster Güte auf kleinster Fläche anzubieten, haben die japanischen konbini-Geschäftsketten 7-Eleven, Lawson, FamiliyMart (und wie sie alle heissen) perfektioniert, wovon in der betriebswirtschaftlichen Literatur oft die Rede ist: ein ausgeklügeltes Informationssystem (im Fachjargon Point-of-Sale-System genannt), das die Angaben über die verkauften Produkte und somit den Bestellbedarf direkt an die Zentrale weiterleitet, verbunden mit einem effizienten Distributionsnetzwerk, das mehrere Lieferungen pro Tag ermöglicht. So können die einzelnen konbini-Läden auf den Unterhalt eines eigenen Lagers verzichten und den Kunden dennoch ein höchstes Mass an Verfügbarkeit und Frische der Produkte bieten.

Der grösste Wert der konbini aus Kundensicht aber wurde mir am vergangenen Mittwoch wieder einmal deutlich bewusst, als ich spätnachts nach einer Studentenparty auf dem Nachhauseweg frühmorgendlichen Hunger verspürte – im Wissen, dass in meinem Kühlschrank aufgrund bevorstehender Festtage gähnende Leere herrschte: In Japan pflegte ich mich in solchen Situationen stets im nächsten konbini mit einem Brötchen und einem Mineralwasser zu stärken.

Hierzulande blieb mir mangels besserer Alternative nichts anderes übrig, als – zuhause angekommen – ein Schüsselchen mit Corn Flakes und Milch zu füllen. Was zwar auch nicht grundschlecht, aber mit der japanischen konbini-Variante (verbunden mit einer auch in der Nacht immer freundlichen Bedienung) doch nicht zu vergleichen ist.

Essen im Gehen

17. Dezember 2007

In der Coopzeitung Nr. 50 vom 11. Dezember 2007 fragte Chefredaktor Matthias Zehnder im Editorial:

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie viele Menschen im Gehen auf der Strasse essen? Nichts gegen das Stillen des kleinen Hungers zwischendurch – aber ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen sich fliegend verpflegen. Sicher: Die Currywurst soll es ja schon seit 60 Jahren geben, entsprechend alt ist das Bedürfnis, unterwegs zu essen.

Ob es an der fehlenden Currywurst-Tradition liegt, weiss ich nicht – Fakt ist: In Japan wird im Gehen nicht gegessen. Stress am Arbeitsplatz hin oder her.

Fremdsprachen

9. Dezember 2007

Als ein Freund von mir vor einigen Monaten nach Japan reiste, war dieser ganz überrascht, dass viele Japaner – im Gegensatz zu den Bewohnern manch anderer asiatischer Länder – mit dem Englischen grosse Schwierigkeiten bekunden.

Diese weitgehende „Ich verstehe kein Englisch“-Haltung vieler Japaner überrascht umso mehr, als das Studium von Fremdsprachen in Japan grossgeschrieben wird und heutzutage alle Schüler bereits in der Schule in den Genuss von Englischunterricht kommen. Populär ist daneben vor allem auch das Lernen von Sprachen im Rahmen von Radio-Sendungen mit begleitenden Unterlagen in der Form monatlich erscheinender Büchlein.

Diese Diskrepanz zwischen der grossen Popularität von Fremdsprachen einerseits und der oftmals überraschend tiefen Kommunikationsfähigkeit in der Fremdsprache andererseits ist nach meinen Erfahrungen in erster Linie auf die Art des Sprachunterrichts in Japan zurückzuführen. Während Grammatik und Vokabular grossgeschrieben werden, kommt die praktische Anwendung der erlernten Bestandteile der Sprache in der Regel deutlich zu kurz. So habe ich beispielsweise von einem befreundeten Englisch-Lehrer erfahren, dass in seinem Englisch-Unterricht nur während zweier Wochen im Jahr (!) Englisch gesprochen wird, wenn amerikanische Aushilfskräfte den mündlichen Gebrauch der Sprache fördern helfen. Ansonsten ist die Unterrichtssprache im Englischunterricht Japanisch. Kein Wunder also, dass vielen Japanern im Alltag das Rüstzeug für mündliche Kommunikation in der Fremdsprache fehlt.

Hinzu kommt, dass der Fremdsprachenunterricht in Japan in meinen Augen zuweilen falsche Prioritäten legt. Wenn mir beispielsweise eine japanische Uni-Studentin, die erst seit anderthalb Jahren Deutsch lernt, erzählt, sie würde im Unterricht Goethe lesen, sie selber aber die Wochentage auf Deutsch nicht kennt, werde ich stutzig. Goethe habe ich zwar auch gelesen – aber erst während der Mittelschule, nach immerhin gut 9 Jahren Deutschunterricht. Für ihre Deutsch-Prüfungen musste die besagte Studentin zudem anstatt einzelne Wörter ganze Sätze auswendig lernen. Die Bedeutung der einzelnen Wörter der auswendig gelernten Deutsch-Sätze kannte sie dabei oft nicht, wie sie mir gestand.

Vor diesem Hintergrund vermochten mich die folgenden Zeilen, angetroffen in einem Blog-Post von seastorm über die Personen im Französisch-Konversationskurs in einer welschen Migros-Klubschule, nicht wirklich zu überraschen:

Dann gibt es noch den scheuen Japaner. Wenn er spricht, dann studiert er vor jedem Wort 10 Minuten, bis es ihm in den Sinn kommt. Dann sagt er es zaghaft und reiht so Wort an Wort… Das braucht Geduld und natürlich auch hier mit starkem Akzent.

Zur Verteidigung der Japaner wäre aber vielleicht noch anzufügen: Ich war an der Sophia University während vierer Monate – zu meiner grossen Überraschung – in den Genuss von bestem Japanisch-Sprachunterricht gekommen. Dennoch habe ich zurzeit im wöchentlichen Japanisch-Konversationskurs an der Universität St. Gallen jedes Mal von neuem einen – gelinde gesagt – schweren Stand.

Immerhin masse ich mir aber auch nicht an, mit meinen spärlichen Japanisch-Kenntnissen bereits japanische Klassiker lesen zu wollen.

Karōshi – Tod durch Überarbeitung

3. Dezember 2007

Im März dieses Jahres hatte ich in einem Blog-Post zum Thema „Lebenserwartung“ die These aufgestellt:

Leben in Japan ist grossartig, Arbeiten in Japan eher weniger. Denn nur so kann ich mir erklären, dass die japanischen Männer trotz gesünderem Essen den Schweizern bei der Lebenserwartung den Vorzug lassen müssen.

Leider scheint es, also sollte ich mit meiner Aussage nicht allzu weit daneben liegen.

Wenn es in einem Land einen festen Begriff für den „Tod durch Überarbeitung“ (jap. Karōshi [過労死], „Über-Arbeiten-Tod“) gibt, ist dies meines Erachtens bereits ein erstes deutliches Alarmzeichen für eine ungesund hohe Arbeitsbelastung in einer Gesellschaft.

Der folgende Zeitungsartikel aus dem St. Galler Tagblatt vom vergangenen Samstag, 1. Dezember 2007, liefert dazu in der Form eines gänzlich unerfreulichen Exempels nur noch die Bestätigung:

Japaner stirbt nach 106 Überstunden
Ein Gericht in Japan hat einer Frau eine Rente zugestanden, weil ihr Mann sich für den Autobauer Toyota zu Tode gearbeitet hatte. Im Monat vor seinem Tod hatte er 106 Überstunden gemacht, in den sechs Monaten davor jeweils mehr als 80. Der 30-jährige Ingenieur war bei der Arbeit zusammengebrochen. Tod durch Überarbeitung – „Karoshi“- hat in Japan seit 1987 stark zugenommen.