Japan-Schweiz-Analogie (4)

„Japan ist wie die Schweiz im Militär“ – so hatte ich das Land der aufgehenden Sonne vor rund einem Monat in meiner Japan-Schweiz-Analogie (2) beschrieben und einen ganzen Katalog an Parallelen zur Illustration dieser These angeführt.

evelyneb, Seit-langem-nicht-mehr-TV-Besitzerin und treue Kommentatorin dieses Blogs, meinte nach der Lektüre meines Vergleichs:

Zu Beginn deines Posts dachte ich bei mir selbst, dass ich ja weder das eine (leider) noch das andere (zum Glück) erlebt habe, würde allerdings jetzt nach dem Lesen beide Klammern mit “zum Glück” füllen. Ich muss gestehen, ich habe mir Japan lustiger vorgestellt.

Diese Aussage kann ich bestens verstehen, denn: Warum sollte ein Land lustig sein, wenn die dortigen Sitten und Gepflogenheiten von einem ehemaligen Austauschstudenten mit dem Schweizer Militäralltag verglichen werden?

Die einfachste Erklärung liegt auf der Hand: Jemand, der wie ich eine Offizierslaufbahn in der Armee eingeschlagen hat, findet Japan gerade deshalb toll, weil das Land viele Gemeinsamkeiten mit dem Alltag im Schweizer Militär aufweist.

Auch wenn sich diese mögliche Erklärung aufgrund meines militärischen Hintergrunds nicht vollständig von der Hand weisen lässt: Ich glaube, sie greift zu kurz. So kenne ich beispielsweise etliche Japan-Fans, die mit der Armee nicht viel am Hut haben.

Meiner Meinung nach ist die Faszination, die von Japan ausgeht, denn auch ganz anders zu erklären, unabhängig von möglichen Armee-Sympathien resp. -Antipathien. Nämlich so: Wir Europäer sind – ob als Touristen oder Austauschstudenten – nicht Teil des beschriebenen japanischen Systems, sondern stehen ausserhalb der japanischen Gesellschaftsstruktur und können weitgehend von den positiven Seiten Japans profitieren, ohne die negativen Aspekte in Kauf nehmen zu müssen.

Oder um die beschriebene Militär-Analogie nochmals aufzugreifen: Als Europäer sind wir in Japan in der Regel keine eingeteilten Soldaten, Unteroffiziere oder Offiziere – sondern Gäste an einem Tag der Angehörigen einer Rekrutenschule. Wie an militärischen Besuchstagen wird in Japan von Gästen im Normalfall nichts erwartet – namentlich kein Verständnis der japanischen Kultur und Gepflogenheiten. Wenn sich aber ein Gast für die Menschen und die Kultur interessiert und möglicherweise gar einige Brocken Japanisch spricht, wird dies aufs Höchste geschätzt. Aber auch sonst versuchen die Japaner in der Regel alles dafür zu tun, dass dem Besucher Japan in allerbester Erinnerung bleiben wird (genau so wie sich die Armee an Besuchstagen immer ins beste Licht zu rücken versucht). Mir hat beispielsweise ein wildfremdes japanisches Ehepaar auf einer Schiffahrt vor der Küste von Izu eine Schachtel frische Sushi geschenkt. Einfach so, weil sie sich gefreut haben, dass mir Japan gefällt. Und wahrscheinlich weil sie damit ihren Beitrag dazu leisten wollten, dass mir Japan in bester Erinnerung bleiben wird. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich auch kein Zufall, dass Japaner auf ein Kompliment für ihr Land („Gefällt Ihnen Japan?“ – „Ja, Japan gefällt mir sehr!“) nicht mit „Schön, das freut uns!“ antworten, sondern mit „arigatou gozaimasu – vielen Dank“.

Auf den Punkt gebracht: Wenn Japan in meiner Analogie mit der Schweizer Armee verglichen wird, dann ist die Rolle von uns Europäern in Japan am ehesten mit derjenigen von Gästen an einem Tag der Angehörigen zu vergleichen.

Über die Armee und deren (Un-)Sitten scheiden sich bekanntlich die Geister. Aber: Kennt ihr irgendjemanden, der an einem Besuchstag der Armee teilgenommen und diesen nicht spannend gefunden hat?

Ich nicht. Womit auch diese Japan-Schweiz-Analogie geschlossen wäre.

Advertisements

2 Antworten to “Japan-Schweiz-Analogie (4)”

  1. evelyneb Says:

    Gut erklärt, danke – obwohl mich natürlich auch deine letzte Analogie nicht wirklich vom Wunsch, Japan mal zu besuchen, abgebracht hätte.

    Aber um deine Schlussfrage zu beantworten: Nun ja, spannend ist vielleicht das falsche Wort. Ausser damals, als Zehnjährige, wo ich zusammen mit meinem Grossvater meinen Götti in der Train-Kompanie (das sind die mit den Rössli) besuchen und Suppe mit Spatz essen durfte. Bei meinem Bruder in der Lastwagenwerkstatt der Kaserne Thun wars, sorry Mäthu, eher langweilig, in den besten paar Minuten höchstens mal amüsant. Und zu essen gabs auch nur stinknormale Bratwürste.

  2. kokoa41 Says:

    Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

    Kann ich gut nachvollziehen, dass sich deine Begeisterung für die Lastwagenwerkstatt der Kaserne Thun in Grenzen hielt. Immerhin auf die Rössli ist Verlass. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: