Archive for November 2007

Nachtrag: Mundschutz

28. November 2007

Vor gut einem Jahr hatte ich an dieser Stelle einen Beitrag zum Thema Mundschutz verfasst. Im Nachgang zu meinem Blog-Post erhielt ich von einer (zumindest damals) treuen Blog-Leserin und seit Primarschuljahren befreundeten Medizinstudentin eine E-Mail, die – sofern ich mich richtig erinnere – unter anderem den Hinweis enthielt, dass Schutzmasken wahrscheinlich nicht nur von kranken Personen getragen würden, die ihre Mitmenschen nicht anstecken wollten, sondern auch von gesunden Personen, die sich durch den Mundschutz prophylaktisch vor einer Ansteckung durch andere zu schützen versuchen.

Leider konnte ich die besagte E-Mail heute Abend auch nach längerer Recherche in meinem E-Mail-Archiv nicht mehr ausfindig machen. Immerhin hat zumindest meine Antwort, in der ich einen Nachtrag in Aussicht stellte, die Rückkehr in die Schweiz überstanden:

Deine Mundschutz-Frage werde ich – sobald ich Zeit habe – im Blog nochmals mit einem „Nachtrag“ aufgreifen. Soviel vorneweg: Du liegst mit deinen Vermutungen gar nicht so daneben. 😉

Im vergangenen Jahr hatte ich von Zeit zu Zeit immer wieder an mein Versprechen gedacht – doch der passende Zeitpunkt, dieses mit einem „Nachtrag: Mundschutz“ einzulösen, war bislang nicht gekommen. Gerade in den vergangenen Tagen – nachdem ich in St. Gallen vor dem Einkaufszentrum am Boden einen Mundschutz (oder etwas, das so aussah) angetroffen hatte – drehten sich meine Gedanken wieder um die japanischen Schutzmasken und mein Blog-Versprechen, das es noch einzulösen gälte.

Und was sehe ich heute Abend: Einen Blog-Eintrag von Manuel, der ebendieses Thema aufgreift – mitsamt einer Foto, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Und wie auf Bestellung teilt Manuel auch die aus medizinisch bewandertem Kreise geäusserte Vermutung, die sich überdies mit der meinigen deckt:

Bei Japanern ist das Tragen von Sick Masks sehr verbreitet. Viele tragen sie in der Öffentlichkeit, sobald sie einen kleinen Schnupfen haben. Manche wohl auch um selbst nicht angesteckt zu werden.

Wanted: Fingerabdruck und Foto

26. November 2007

„Big Brother is watching you“ – dieser Propaganda-Slogan aus dem Buch „Nineteen Eighty-Four“ (1984) von George Orwell hat seit Dienstag, 20. November 2007, auch im Falle Japans an Bedeutung gewonnen:

Japan verlangt ab November ähnlich wie die USA von Ausländern bei der Einreise Fingerabdrücke und Fotos. Damit solle Terroranschlägen vorgebeugt werden, erklärte ein Sprecher der Einwanderungsbehörde. Ausgenommen von dem System, das am 20. November in Kraft tritt, sind demnach lediglich Diplomaten, dauerhaft in Japan lebende Ausländer und Kinder unter 16 Jahren. Die Daten werden langfristig gespeichert und mit internationalen Datenbanken verglichen. Die Regierung fordert von Flug- und Schiffsgesellschaften ausserdem Passagierlisten an.
(Quelle: NZZ, 26. Oktober 2007)

Die Kritik folgte selbstverständlich auf den Fuss:

Japan ist nach den USA das zweite Land, in dem derartige Bestimmungen gelten. Japanische Menschenrechtsgruppen sowie die Vereinigung der Anwälte hatten gegen die Regelung protestiert. Gegner argumentieren, dass die Speicherung der biometrischen Daten gegen das Recht auf den Schutz der Privatsphäre verstoße.
(Quelle: NZZ, 20. November 2007)

Mir bleibt – zumindest im Moment – die kleine Freude: Meinen Fingerabdruck haben sie noch nicht.

PS: Spannend, wie sich die Meinungen zur Einführung dieser Massnahme von Land zu Land unterscheiden: Survey: Fingerprinting Foreigners

Anpassung vs. Abgrenzung

18. November 2007

Ein sonntäglicher Lesetipp aus der NZZ vom 14. November 2007 für all jene, die mehr als bloss zwei Minuten freie Zeit für eine spannende Lektüre haben:

Urs Schoettli:
Eine Inselnation als Meisterin der Anpassung
Ablehnung und Übernahme des Fremden in Japan

Für all jene, die nicht zu dieser glücklichen Sorte zählen oder zählen wollen, habe ich die gut 2000 Worte des Artikels auf deren 135 zu verdichten versucht:

Die Japaner sind Meister der Anpassung an das Fremde und dessen Vereinnahmung. Die Adaption an das Fremde sorgt dafür, dass sich die Fertigkeit, sich neuen Herausforderungen ohne kostspielige Verzögerungen und gefährliche Verwerfungen zu stellen, entwickeln kann.

Es wäre indes ein gravierender Fehler, würde man nicht gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass die japanische Gesellschaft gegenüber der Aussenwelt und gegenüber dem Nicht-dazu-Gehörenden auch ihre klare Trennlinien hat. Nichts ist in der Begegnung mit Japan wichtiger als die Erkenntnis, dass es eine nicht zu überwindende Trennung in «wir» und «die anderen», die Fremden, gibt. Als Inselnation ist Japan in dieser Grenzziehung viel strikter als China oder Indien. Dies hat seine schmerzhaften Konsequenzen, aber auch seine Vorteile. Sie hat es Japan in den letzten 150 Jahren der wachsenden Integration in die westliche Zivilisation erlaubt, seine Seele intakt zu halten.

Japan-Schweiz-Analogie (4)

17. November 2007

„Japan ist wie die Schweiz im Militär“ – so hatte ich das Land der aufgehenden Sonne vor rund einem Monat in meiner Japan-Schweiz-Analogie (2) beschrieben und einen ganzen Katalog an Parallelen zur Illustration dieser These angeführt.

evelyneb, Seit-langem-nicht-mehr-TV-Besitzerin und treue Kommentatorin dieses Blogs, meinte nach der Lektüre meines Vergleichs:

Zu Beginn deines Posts dachte ich bei mir selbst, dass ich ja weder das eine (leider) noch das andere (zum Glück) erlebt habe, würde allerdings jetzt nach dem Lesen beide Klammern mit “zum Glück” füllen. Ich muss gestehen, ich habe mir Japan lustiger vorgestellt.

Diese Aussage kann ich bestens verstehen, denn: Warum sollte ein Land lustig sein, wenn die dortigen Sitten und Gepflogenheiten von einem ehemaligen Austauschstudenten mit dem Schweizer Militäralltag verglichen werden?

Die einfachste Erklärung liegt auf der Hand: Jemand, der wie ich eine Offizierslaufbahn in der Armee eingeschlagen hat, findet Japan gerade deshalb toll, weil das Land viele Gemeinsamkeiten mit dem Alltag im Schweizer Militär aufweist.

Auch wenn sich diese mögliche Erklärung aufgrund meines militärischen Hintergrunds nicht vollständig von der Hand weisen lässt: Ich glaube, sie greift zu kurz. So kenne ich beispielsweise etliche Japan-Fans, die mit der Armee nicht viel am Hut haben.

Meiner Meinung nach ist die Faszination, die von Japan ausgeht, denn auch ganz anders zu erklären, unabhängig von möglichen Armee-Sympathien resp. -Antipathien. Nämlich so: Wir Europäer sind – ob als Touristen oder Austauschstudenten – nicht Teil des beschriebenen japanischen Systems, sondern stehen ausserhalb der japanischen Gesellschaftsstruktur und können weitgehend von den positiven Seiten Japans profitieren, ohne die negativen Aspekte in Kauf nehmen zu müssen.

Oder um die beschriebene Militär-Analogie nochmals aufzugreifen: Als Europäer sind wir in Japan in der Regel keine eingeteilten Soldaten, Unteroffiziere oder Offiziere – sondern Gäste an einem Tag der Angehörigen einer Rekrutenschule. Wie an militärischen Besuchstagen wird in Japan von Gästen im Normalfall nichts erwartet – namentlich kein Verständnis der japanischen Kultur und Gepflogenheiten. Wenn sich aber ein Gast für die Menschen und die Kultur interessiert und möglicherweise gar einige Brocken Japanisch spricht, wird dies aufs Höchste geschätzt. Aber auch sonst versuchen die Japaner in der Regel alles dafür zu tun, dass dem Besucher Japan in allerbester Erinnerung bleiben wird (genau so wie sich die Armee an Besuchstagen immer ins beste Licht zu rücken versucht). Mir hat beispielsweise ein wildfremdes japanisches Ehepaar auf einer Schiffahrt vor der Küste von Izu eine Schachtel frische Sushi geschenkt. Einfach so, weil sie sich gefreut haben, dass mir Japan gefällt. Und wahrscheinlich weil sie damit ihren Beitrag dazu leisten wollten, dass mir Japan in bester Erinnerung bleiben wird. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich auch kein Zufall, dass Japaner auf ein Kompliment für ihr Land („Gefällt Ihnen Japan?“ – „Ja, Japan gefällt mir sehr!“) nicht mit „Schön, das freut uns!“ antworten, sondern mit „arigatou gozaimasu – vielen Dank“.

Auf den Punkt gebracht: Wenn Japan in meiner Analogie mit der Schweizer Armee verglichen wird, dann ist die Rolle von uns Europäern in Japan am ehesten mit derjenigen von Gästen an einem Tag der Angehörigen zu vergleichen.

Über die Armee und deren (Un-)Sitten scheiden sich bekanntlich die Geister. Aber: Kennt ihr irgendjemanden, der an einem Besuchstag der Armee teilgenommen und diesen nicht spannend gefunden hat?

Ich nicht. Womit auch diese Japan-Schweiz-Analogie geschlossen wäre.

Japan-Schweiz-Analogie (3)

15. November 2007

Schneefall in Sapporo (Japan)

Sapporo (Japan), 07. Februar 2007

Schneefall in St. Gallen (Schweiz)

St. Gallen (Schweiz), 14. November 2007

Unterhaltungsshows

10. November 2007

Japanische TV-Unterhaltungsshows sind eine Sache für sich.

Ein erster Einblick der eher harmloseren Sorte: Menschen-Tetris.

Nachtrag: Zeitumstellung

5. November 2007

Übrigens, damit die Zeitumstellung im nächsten Frühjahr einfach fällt: Eine Eselsbrücke für all jene, die jedes Mal auf ein Neues unsicher sind, in welche Richtung die Uhren zu drehen sind. Und für alle anderen auch.

„Spring forward. Fall back.“

Im Frühling vorwärts, im Herbst zurück.

Fertig.

Zeitverschiebung

3. November 2007

Nicolas G. Hayek Center, Ginza, Tokyo

Japan kennt im Gegensatz zu Mitteleuropa und zu vielen weiteren Ländern rund um den Globus keine Sommerzeit.

Aus diesem Grund ändert sich mit der europäischen Zeitumstellung von Sommerzeit auf Winterzeit auch die Zeitverschiebung zwischen der Schweiz und Japan: Während die Japan Standard Time im Sommer der Schweizer Zeit blosse 7 Stunden vorgeht, sind es im Winter deren 8.

Mühsam ist beides, meinen Erfahrungen gemäss. 8 Stunden noch etwas mühsamer als 7 Stunden.

Auf dem Bild: Das „Nicolas G. Hayek Center“ im Tokioter Nobel-Einkaufsquartier Ginza, aufgenommen während der Bauphase am 23. Dezember 2006. Eröffnet wurde das extravagante 14-stöckige Center am 23. Mai 2007.

Japanische Türöffner

1. November 2007

Türöffner?

Türöffner sind kurze Äusserungen wie „hm“, „aha“, „Ich verstehe“ oder „ja“, die dem Gesprächspartner signalisieren, dass seine Äusserungen wahrgenommen werden. [. . .] Besonders wenn diese Türöffner mit Blickkontakt verbunden sind, reagieren die meisten Menschen sehr stark darauf. Sie erleben sie als Zeichen dafür, dass ihre Meinung gehört, akustisch verstanden und akzeptiert wurde – was nicht automatisch mit Einverständnis gleichzusetzen ist („Ich habe dich verstanden und akzeptiere dies als deine Meinung.“ und nicht „Ich bin deiner Meinung.“).

Bei der abendlichen Vorbereitungslektüre für mein Blockseminar von kommender Woche zum Thema „Feedbackgespräche und Coachingprozesse gestalten“ bin ich über die obigen Zeilen von Haberleitner, Deistler und Ungvari (2001, S. 96) gestolpert. Gestolpert deshalb, weil ich bislang noch nirgendwo eine bessere Übersetzung für die beiden wahrscheinlich wichtigsten japanischen Türöffner, nämlich そうですか [sou desu ka] und そうですね [sou desu ne], angetroffen habe – und dies an einem Ort, wo ich sie beim besten Willen nicht erwartet hätte.

Türöffner – im Japanischen Aizuchi genannt – spielen in japanischen Konversationen eine ganz entscheidende Rolle. So steht denn in meinem Japanisch-Lehrbuch auch zu Recht: „Aizuchi are used after almost each phrase or sentence uttered by the main speaker. If you do not use aizuchi, the main speaker will feel uneasy and may even stop talking because s/he will suspect that you are not listening.“

Für die beiden obigen Auzuchi bieten die Autoren von „Situational Functional Japanese“ die folgende Erläuterung: „そうですね [sou desu ne] (rising intonation) shows agreement, whereas そうですか [sou desu ka] (falling intonation) signals that you had not been aware of the information but accept it without questioning it.“

Da der Teilsatz „without questioning it“ unter Umständen auch falsch (nämlich als Zustimmung) verstanden werden könnte, werde ich persönlich mich ab heute an die folgenden Erklärungen halten:

そうですか [sou desu ka]: „Ich habe dich verstanden und akzeptiere dies als deine Meinung.“
そうですね [sou desu ne]: „Ich bin deiner Meinung.“

Womit das Seminar von kommender Woche, das gemäss HSG-Studienarchitektur die Förderung meiner Handlungskompetenz bezwecken soll, sein Ziel bereits vor Beginn erfüllt hätte.

Die wichtigste Handlungsanweisung zur Verwendung von „そうですか [sou desu ka]“ hält indes Manuel in seinem gleichnamigen Blog „so desu ka“ bereit:

Bedeutet wörtlich übersetzt „Ah, so ist das.“ oder auch „Ach, wirklich?“. Man sollte dazu einen erstaunten Gesichtsausdruck aufsetzen. Egal ob es einen nun wirklich interessiert oder tödlich langweilt.