Japan-Schweiz-Analogie (2)

Die letzte Woche in diesem Blog präsentierte Japan-Schweiz-Analogie „Japaner sind die besseren Schweizer“ hat einen Haken: „Besser“ ist im vorliegenden Fall nicht zwingend positiv gemeint. Aus diesem Grund verwende ich im Gespräch mit Personen, die mit der Schweizer Armee zumindest etwas vertraut sind, meistens den folgenden Japan-Kurzbeschrieb:

Japan ist wie die Schweiz im Militär.

Nachdem ich gestern Freitag aus meinem vierwöchigen Wiederholungskurs nach Hause zurückgekehrt bin, Schuhe und Pistole geputzt habe und Material und Dokumente mittlerweile verstaut sind, kann ich aufgrund der Erfahrungen während der letzten Wochen meinen Befund nur bestätigen: Ja, tatsächlich, Japan weist in vielerlei Hinsicht grosse Ähnlichkeiten mit den Verhältnissen in der Schweizer Armee auf. Und zwar in positiver wie in negativer Hinsicht.

Um diese gewagte These eigenen Ursprungs etwas zu untermauern zu versuchen, liste ich nachfolgend – in willkürlicher Reihenfolge – ein paar Parallelen zwischen Japan und der Schweizer Armee auf, wie ich sie erlebt habe. Ein Grundwissen über das Leben in Japan und über die wichtigsten Gepflogenheiten der Schweizer Armee wird dabei implizit vorausgesetzt.

  • Sowohl die japanische Gesellschaft als auch die Schweizer Armee sind sehr hierarchisch organisiert.
  • Sowohl Japan als auch die Schweizer Armee sind weitgehend von Männern dominierte Gesellschaften; die Chance zum Aufstieg in der Hierarchie steht jedoch auch den Frauen offen und wird von einzelnen erfolgreich wahrgenommen, Tendenz steigend.
  • Sowohl die japanischen Geschäftsleute als auch die Angehörigen der Schweizer Armee sind sehr uniform gekleidet.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär dürfen Vorgesetzte ihre Unterstellte in einer saloppen, sehr direkten Umgangsform ansprechen, während die Unterstellten ihrerseits sehr förmliche, überhöfliche Sprachfloskeln verwenden müssen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee wird Anordnungen von Vorgesetzten nicht widersprochen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee hat in Gesprächsrunden (auch ausserhalb der eigentlichen Arbeit) grundsätzlich der sozial Höchstrangigste das Wort.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee lassen sich aus einem unternehmerischen Blickwinkel viele Ineffizienzen ausmachen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee werden pragmatische Lösungen nicht selten durch einen Mangel an Flexibilität verhindert.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär sollten Unterstellte in der Regel nicht zu stark nach dem „Warum“ fragen, sondern sich mit dem „Ist so, weil ist so“ begnügen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee gibt es klare Verantwortlichkeiten: Der Chef hat für Vorfälle, die in seinen Bereich fallen, persönlich die Verantwortung zu übernehmen und die entsprechenden Konsequenzen zu tragen, auch dann, wenn er mit dem Vorfall nichts zu tun hat und ihn keine direkte Schuld trifft.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee gibt es (meistens implizit) befohlenen Ausgang, in dem Personen zusammen Bier trinken, die – wären sie nicht zufällig Teil des gleichen sozialen Gebildes „Unternehmung“ resp. „Armee“ – nie im Leben zusammen ein Bier trinken gehen würden.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär gibt es im Vergleich zum zivilen Schweizer Alltag viele Einweisposten.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee überrascht stets, wieviel eine auf den ersten Blick ineffizient scheinende Gesellschaft schlussendlich doch immer wieder zu leisten imstande ist.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär ist man um 18.01 Uhr diskussionslos zu spät, wenn die Frist bis 18.00 Uhr lautete.
  • Sowohl in japanischen Unternehmen als auch im Schweizer Militär (namentlich in Stäben) gehen Mitarbeiter wenn immer möglich nicht vor ihrem Chef nach Hause – auch dann nicht, wenn sie eigentlich nichts mehr zu tun haben und nur darauf warten, bis der Chef endlich nach Hause geht, damit sie es ihm gleichtun können.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee wird im Vergleich zum Schweizer Zivilleben auf eine überfreundliche Weise gegrüsst.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee vermeidet ein Unterstellter im Gespräch mit einem Vorgesetzten wenn immer möglich das Wort „Nein“ – auch dann, wenn es eigentlich aufgrund der Faktenlage angebracht wäre.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee werden Menschen zum Transport auf engstem Raum zusammengequetscht und kommen dabei mit fremden Personen in Kontakt, die sie andernorts freiwillig nicht einmal grüssen würden.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee spielt der soziale Rang beziehungsweise Status einer Person eine grosse Rolle.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär wird auf Sauberkeit und Sicherheit grösste Sorgfalt gelegt.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee bestehen in der Regel lange Arbeitszeiten.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee herrscht eine unterdurchschnittliche sexuelle Aktivität.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär sind die Leute aufgrund eines ausgeprägten Schlafmangels notorisch müde.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee werden Know-How und Fähigkeiten der Leute nicht optimal ausgeschöpft, da diese nach ihrer Grundausbildung oft für ganz andere Aufgaben eingesetzt werden als für jene, für die sie eigentlich ausgebildet worden sind.

Und last but not least:

  • Sowohl Japan als auch die Schweizer Armee würden ohne Mobiltelefone in der aktuellen Form nicht mehr funktionieren.

q.e.d. – quod erat demonstrandum.

Zusätzliche Vergleiche oder allfällige Einsprachen von Leserinnen- und Leserseite herzlich willkommen.

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6 Antworten to “Japan-Schweiz-Analogie (2)”

  1. evelyneb Says:

    Zu Beginn deines Posts dachte ich bei mir selbst, dass ich ja weder das eine (leider) noch das andere (zum Glück) erlebt habe, würde allerdings jetzt nach dem Lesen beide Klammern mit „zum Glück“ füllen. Ich muss gestehen, ich habe mir Japan lustiger vorgestellt. Wenigstens dein Eintrag ist es 🙂

    Frage nach Ergänzung: wird auch in Japan viel Geld für sinnlosen Sch* verpulvert? Denn in der Schweizer Armee ist das ja definitiv der Fall… Dafür ist die Post gratis. Und in Japan?

    lieber gruss, evi**

  2. Manuel Says:

    Beim „zum Glück“ muss ich mich zwar auf Erzählungen stützen, aber eine Gemeinsamkeit in diesem Zusammenhang ist sicher die Geldverschwendung durch sinnloses Spritverbrennen. In Japan ist es üblich, besonders bei Taxifahrern, mit laufendem Motor (wegen Klimaanlage) am Strassenrand zu stehen und ein Nickerchen zu machen.

  3. Helmut Says:

    Verblüffend, diese Parallelen… Man sollte der Sache nachgehen..! ^^

    Ich kann dir eigentlich nur zustimmen, nachdem ich auch die österreichische Armee durchlebt habe!

  4. kokoa41 Says:

    @ evi**:
    Schlechte Nachrichten: Die Post ist in Japan leider nicht gratis. 😉
    Und auch in ersterer Hinsicht kann ich leider keine Entwarnung geben: Meinen Erfahrungen gemäss existiert in Japan vielerorts ein relativ grosses Sparpotenzial, was sinnlose (oder zumindest nicht zwingend notwendige) Tätigkeiten anbelangt. Ich denke dabei beispielsweise an das Lift-Girl im Einkaufszentrum (einzige Aufgabe: die Taste des gewünschten Stockwerks drücken) oder an die vielen Aufpasser rund um Strassenbaustellen in Quartieren, wo kaum Autos verkehren. Ähnlich wie die Schweizer Armee hat es sich die japanische Wirtschaft offensichtlich zur Aufgabe gemacht, alle ihr zugeteilten Leute zu beschäftigen – mit jeweils mehr oder minder sinnvollen Tätigkeiten.

    Tut mir leid, dass ich mit obigem Post deine Japan-Vorstellungen zerstört habe. 😉
    Ich werde in Bälde in einer dritten Japan-Schweiz-Analogie aufzuzeigen versuchen, warum Japan – trotz aller obigen Einschränkungen – seinen ganz besonderen Reiz hat. Und zwar auch für Leute, die der Schweizer Armee gegenüber nicht allzu positiv eingestellt sind… 😉

  5. Japan-Schweiz-Analogie (4) « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] im Militär” – so hatte ich das Land der aufgehenden Sonne vor rund einem Monat in meiner Japan-Schweiz-Analogie (2) beschrieben und einen ganzen Katalog an Parallelen zur Illustration dieser These […]

  6. Alle Jahre wieder « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] Oktober hatte ich nach meinem militärischen Wiederholungskurs an dieser Stelle im Rahmen meiner Japan-Schweiz-Analogie (2) auf die vielen Gemeinsamkeiten der japanischen Gesellschaft mit dem Schweizer Militäralltag […]

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