Archive for Oktober 2007

Waschen

28. Oktober 2007

Total Cool Active

Was Japan schon lange weiss, weiss dank einer Plakatkampagne der Migros seit kurzem auch die ganze Schweiz: Kalt waschen spart Energie – bis zu 70%, wenn man der Migros resp. ihrer Tochterunternehmung Mifa Glauben schenken will.

Über die negativen Effekte der japanischen Kaltwasch-Sitte weiss ich aufgrund eigener weitgehender Unvertrautheit mit der Materie (meinen Gasteltern sei Dank!) leider wenig zu berichten.

Die positiven Effekte dagegen durfte ich am eigenen Leibe erleben: Keinerlei eingegangene oder verfärbte Kleidungsstücke – und dies trotz der vollständigen Inexistenz einer Trennung der verschiedenen Kleidersorten. Will heissen: Schwarze Socken zusammen mit weisser Unterwäsche, blauen T-Shirts und beigem Pullover einfach unsortiert in die Waschmaschinentonne werfen. Manch Schweizer Mann hätte wahrscheinlich seine helle Freude daran.

Um den Kleidern ab und zu dennoch ein bisschen warmes Wasser zu gönnen, bietet sich in Japan etwas ganz besonders an: das (ja, klar: gebrauchte) Badwasser, das am Vorabend der (ja: ganzen) Familie zur Entspannung gedient hatte.

Wer jetzt bloss igittigitt sagt, hat das Konzept des japanischen Badens noch nicht verstanden. Von demjenigen des Energiesparens ganz zu schweigen.

Tsukiji Fish Market

25. Oktober 2007

Tsukiji Fish Market

Thunfisch-Auktion früh morgens am Tsukiji Fish Market in Tokyo, dem grössten Fischmarkt der Welt – ein Erlebnis der besonderen Art. Wohl noch nie im Leben stand ich in so kurzer Zeit so vielen Menschen bei der Arbeit im Wege, und dies, obgleich ununterbrochen versuchte, ebendies zu verhindern.

Wer sich nicht bewegt, wird weggestossen – oder freie Marktwirtschaft at its very best. Sollte jemand vom Grundsatz, dass ein marktwirtschaftliches System in der Regel – mit den bekannten Abstrichen – einen effizienten Koordinationsmechanismus darstellt, nicht überzeugt sein, der möge einmal einen frühen Morgen (ab ca. 5 Uhr) am Tsukiji Fish Market in Toyko verbringen. Ich wäre überrascht, würde er seine Meinung nicht ändern.

Weil Bilder gerade in diesem Fall mehr besagen als tausend Worte, habe ich vier kurze Videos online gestellt, die verschiedene Szenen der eindrücklichen Thunfisch-Auktion zeigen:

Video 1: Versteigerung der gefrorenen Thunfische beinahe im Sekundentakt.

Video 2: Abtransport der Thunfische mit Holzwagen und speziellen motorisierten Gefährten.

Video 3: Verlad der Thunfische in die Schaufel eines Hubstaplers.

Video 4: Verarbeitung der Thunfische mit Sägemaschinen.

Übrigens: Auch wenn auf japan-guide.com steht, dass die Thunfisch-Auktion seit Mai 2005 für Touristen geschlossen sei: Wer sich dessen, was ihn erwartet, bewusst ist, soll trotzdem hingehen – es gibt nämlich noch immer einen speziellen Besucherraum für Touristen, von wo aus man der Auktion in Ruhe beiwohnen kann.

An allen anderen geschäftigen Orten im Fischmarkt-Gelände gilt indes: Auf keinen Fall stehen bleiben. Die über 60’000 Angestellten am und um den Tsukiji Fish Market werden es danken.

In eigener Sache: Dankeschön

21. Oktober 2007

Nach dem gestrigen Tag, an dem ich die erste Stufe meiner universitären Ausbildung mit der Erlangung des Bachelor of Arts HSG in Volkswirtschaftslehre erfolgreich abschliessen konnte, ist es an der Zeit, den vielen Menschen zu danken, die mich auf diesem Weg begleitet und ihn überhaupt erst möglich gemacht haben.

Der grösste Dank gilt meiner Familie, allen voran meinen Eltern, die mich vom ersten bis zum heutigen Tage stets nach allen Kräften unterstützt haben und mich lehrten, in jeder Situation das Bestmögliche zu versuchen und dennoch bescheiden zu bleiben. Ebenso möchte ich meinem Bruder ganz herzlich danken, der mich in meinen vielen Engagements immer unterstützte und mir in wichtigen Momenten den Rücken freihielt, und meiner Grossmutter, die mich ihren Stolz auf ihren Enkel bei jeder Gelegenheit wissen liess. Dieser Dank ist umso grösser, als ich weiss, dass ich auch in Zukunft auf die unersetzliche Unterstützung meiner Familie zählen darf.

Im Weiteren möchte ich all jenen Menschen herzlich danken, die während der letzten vier Jahre mein Leben in vielfältigster Art und Weise bereichert haben, namentlich meinen Freunden, Kollegen und Kolleginnen von nah und fern, meinen tollen (Ex-)WG-Mitbewohnern und -Mitbewohnerinnen, meinen japanischen Gasteltern, meinen Kameraden aus gemeinsamen Militärzeiten und allen übrigen Bekannten aus meinem privaten Umfeld und den verschiedenen Vereinen und Organisationen, in denen ich während der vergangenen vier Jahre mitgewirkt habe. Allen, die sich angesprochen wissen, ein herzliches Dankeschön!

Last but not least gilt auch euch, geschätzten Leserinnen und Lesern dieses Blogs, ein ganz besonderer Dank. Ohne euer Feedback (und sei dies grösstenteils auch nur in der Form eines Besucher-Hits in meiner Blog-Statistik) hätte ich während der vergangenen knapp 13 Monate seit der Lancierung meines Blogs am 26. September 2006 kaum die 219 Blog-Beiträge verfasst, die es bis zum heutigen Tage geworden sind.

Ich glaube nicht an Zufall. Die Menschen, die in der Welt vorwärts kommen, sind die Menschen, die aufstehen und nach dem von ihnen benötigten Zufall Ausschau halten. (George Bernard Shaw)

In diesem Sinne werde ich mich in den kommenden Monaten im Rahmen meines Master-Studiums an der Universität St. Gallen weiter auf die Suche nach günstigen Zufällen machen. Es würde mich freuen, wenn ihr weiterhin mit von der Partie wäret – sei es in der richtigen oder in der digitalen Welt.

Oder am liebsten natürlich in beiden.

Schlangestehen

19. Oktober 2007

Deutschland - China - Japan

Wenn die Japaner in einer Disziplin mit Sicherheit Weltmeister sind, dann in der folgenden: Im Schlangestehen.

Warteschlangen in Deutschland (blau), China (rot) und Japan (gelb), herrlich illustriert von Yan Liu und Kilian Muster.

Weitere Deutschland-China-Vergleiche: China vs. Germany
Weitere Deutschland-China-Japan-Vergleiche: Germany vs. China vs. Japan

Nachtrag: Inemuri

16. Oktober 2007

Herausgepickt worldwide

Wie gesagt: Japanische Studenten sind gnadenlos. Studentinnen auch.

Mayumi Kaga, 20, Studentin an der Keio Universität, Tokyo:

In einer langweiligen Vorlesung…

mache ich ein Nickerchen.

Quelle: prisma [Magazin der Studierenden der Universität St. Gallen], Nummer 311 (Oktober 2007), S. 15.

Japan-Schweiz-Analogie (2)

13. Oktober 2007

Die letzte Woche in diesem Blog präsentierte Japan-Schweiz-Analogie „Japaner sind die besseren Schweizer“ hat einen Haken: „Besser“ ist im vorliegenden Fall nicht zwingend positiv gemeint. Aus diesem Grund verwende ich im Gespräch mit Personen, die mit der Schweizer Armee zumindest etwas vertraut sind, meistens den folgenden Japan-Kurzbeschrieb:

Japan ist wie die Schweiz im Militär.

Nachdem ich gestern Freitag aus meinem vierwöchigen Wiederholungskurs nach Hause zurückgekehrt bin, Schuhe und Pistole geputzt habe und Material und Dokumente mittlerweile verstaut sind, kann ich aufgrund der Erfahrungen während der letzten Wochen meinen Befund nur bestätigen: Ja, tatsächlich, Japan weist in vielerlei Hinsicht grosse Ähnlichkeiten mit den Verhältnissen in der Schweizer Armee auf. Und zwar in positiver wie in negativer Hinsicht.

Um diese gewagte These eigenen Ursprungs etwas zu untermauern zu versuchen, liste ich nachfolgend – in willkürlicher Reihenfolge – ein paar Parallelen zwischen Japan und der Schweizer Armee auf, wie ich sie erlebt habe. Ein Grundwissen über das Leben in Japan und über die wichtigsten Gepflogenheiten der Schweizer Armee wird dabei implizit vorausgesetzt.

  • Sowohl die japanische Gesellschaft als auch die Schweizer Armee sind sehr hierarchisch organisiert.
  • Sowohl Japan als auch die Schweizer Armee sind weitgehend von Männern dominierte Gesellschaften; die Chance zum Aufstieg in der Hierarchie steht jedoch auch den Frauen offen und wird von einzelnen erfolgreich wahrgenommen, Tendenz steigend.
  • Sowohl die japanischen Geschäftsleute als auch die Angehörigen der Schweizer Armee sind sehr uniform gekleidet.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär dürfen Vorgesetzte ihre Unterstellte in einer saloppen, sehr direkten Umgangsform ansprechen, während die Unterstellten ihrerseits sehr förmliche, überhöfliche Sprachfloskeln verwenden müssen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee wird Anordnungen von Vorgesetzten nicht widersprochen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee hat in Gesprächsrunden (auch ausserhalb der eigentlichen Arbeit) grundsätzlich der sozial Höchstrangigste das Wort.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee lassen sich aus einem unternehmerischen Blickwinkel viele Ineffizienzen ausmachen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee werden pragmatische Lösungen nicht selten durch einen Mangel an Flexibilität verhindert.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär sollten Unterstellte in der Regel nicht zu stark nach dem „Warum“ fragen, sondern sich mit dem „Ist so, weil ist so“ begnügen.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee gibt es klare Verantwortlichkeiten: Der Chef hat für Vorfälle, die in seinen Bereich fallen, persönlich die Verantwortung zu übernehmen und die entsprechenden Konsequenzen zu tragen, auch dann, wenn er mit dem Vorfall nichts zu tun hat und ihn keine direkte Schuld trifft.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee gibt es (meistens implizit) befohlenen Ausgang, in dem Personen zusammen Bier trinken, die – wären sie nicht zufällig Teil des gleichen sozialen Gebildes „Unternehmung“ resp. „Armee“ – nie im Leben zusammen ein Bier trinken gehen würden.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär gibt es im Vergleich zum zivilen Schweizer Alltag viele Einweisposten.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee überrascht stets, wieviel eine auf den ersten Blick ineffizient scheinende Gesellschaft schlussendlich doch immer wieder zu leisten imstande ist.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär ist man um 18.01 Uhr diskussionslos zu spät, wenn die Frist bis 18.00 Uhr lautete.
  • Sowohl in japanischen Unternehmen als auch im Schweizer Militär (namentlich in Stäben) gehen Mitarbeiter wenn immer möglich nicht vor ihrem Chef nach Hause – auch dann nicht, wenn sie eigentlich nichts mehr zu tun haben und nur darauf warten, bis der Chef endlich nach Hause geht, damit sie es ihm gleichtun können.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee wird im Vergleich zum Schweizer Zivilleben auf eine überfreundliche Weise gegrüsst.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee vermeidet ein Unterstellter im Gespräch mit einem Vorgesetzten wenn immer möglich das Wort „Nein“ – auch dann, wenn es eigentlich aufgrund der Faktenlage angebracht wäre.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee werden Menschen zum Transport auf engstem Raum zusammengequetscht und kommen dabei mit fremden Personen in Kontakt, die sie andernorts freiwillig nicht einmal grüssen würden.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee spielt der soziale Rang beziehungsweise Status einer Person eine grosse Rolle.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär wird auf Sauberkeit und Sicherheit grösste Sorgfalt gelegt.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee bestehen in der Regel lange Arbeitszeiten.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee herrscht eine unterdurchschnittliche sexuelle Aktivität.
  • Sowohl in Japan als auch im Schweizer Militär sind die Leute aufgrund eines ausgeprägten Schlafmangels notorisch müde.
  • Sowohl in Japan als auch in der Schweizer Armee werden Know-How und Fähigkeiten der Leute nicht optimal ausgeschöpft, da diese nach ihrer Grundausbildung oft für ganz andere Aufgaben eingesetzt werden als für jene, für die sie eigentlich ausgebildet worden sind.

Und last but not least:

  • Sowohl Japan als auch die Schweizer Armee würden ohne Mobiltelefone in der aktuellen Form nicht mehr funktionieren.

q.e.d. – quod erat demonstrandum.

Zusätzliche Vergleiche oder allfällige Einsprachen von Leserinnen- und Leserseite herzlich willkommen.

Japan-Schweiz-Analogie (1)

5. Oktober 2007

Japaner sind die besseren Schweizer.

Wer sich mit mir über Japan unterhält, wird diesen Satz fast unweigerlich zu hören bekommen. Denn die Japaner sind den Schweizern – aller äusserlichen und kulturellen Unterschiede zum Trotz – in vielen Belangen überraschend ähnlich. In Japan ist einfach alles noch etwas sauberer, sicherer, pünktlicher und formeller als in der Schweiz. Von einem grundlegenden „Clash of Cultures“ also keine Spur.

Dass ich mit dieser Ansicht nicht alleine stehe, hat mir soeben der folgende Kommentar im Blog von Manuel wieder einmal aufgezeigt.