Lob des kurzen Schlafs

Die NZZ am Sonntag hat ganz offensichtlich grossen Gefallen gefunden an der japanischen Schlafkultur: Nachdem am 20. Mai im Kanon der Populärkultur bereits eine Ode an die japanische “Ich schlafe auch gern am Tag”-Gewohnheit abgedruckt worden war (ich habe darüber berichtet), stimmte eine Woche später Literaturkritikerin Gunhild Kübler mit ihrem Artikel unter dem Titel “Lob des kurzen Schlafs: Wie eine japanische Kulturtechnik unser Leben verlängert und verbessert” mit voller Inbrust in die Lobeshymne ein:

„Inemuri heisst das Zauberwort. Zusammengesetzt ist es aus den japanischen Schriftzeichen i(ru) „anwesend sein“ und nemuri „schlafen“ und wird im Deutschen am besten mit „Anwesenheitsschlaf“ übersetzt. [. . .]
Inemuri ist etwas fundamental anderes als der Nachtschlaf im Bett oder die Siesta. Inemuri heisst schlafen, während man etwas anderes tut. Daher kann man Inemuri überall machen, wo man eine Weile sitzen bleiben muss, es braucht dazu nicht einmal Stille: im Zug, im Theater, im Konzert, beim Abendessen in einem Lokal, bei Vorträgen und Versammlungen. Ja sogar am Arbeitsplatz. Inemuri gilt als Folge vorausgehender Anstrengung und wird daher toleriert. Und solange jemand dabei Haltung bewahrt, kann er zudem immer behaupten, sich mit geschlossenen Augen gerade besonders tief in das, was um ihn herum vorgeht, versenkt zu haben. Dabei ist es ein alter Inemuri-Trick, nach dem Aufwachen erst dann die Augen zu öffnen, wenn man – etwa in einer Sitzung – ein Stück vom inzwischen gesponnenen Gesprächsfaden der anderen erwischt hat.“

Toll. Da kommt mir unweigerlich meine Offiziersausbildung in den Sinn, wo wir Aspiranten an Tagen nach Nachtübungen jeweils im Theorieraum arg zu kämpfen hatten. Bei uns hiess es in solchen Fällen aber nicht „Schlafen Sie gut“, sondern „Aufstehen“. Und irgendwie fand und finde ich das – nur schon der Höflichkeit halber – auch richtig: Oder hätte es Frau Kübler etwa gerne gesehen, wenn der eine oder andere Mitwirkende in der Sendung „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens, wo sie zwischen 1990 und 2006 auftrat, während der Sendung jeweils „am Arbeitsplatz“ ein kleines Inemuri-Nickerchen gemacht hätte?

Aber wer weiss, vielleicht tue ich den NZZaS-Journalisten und somit auch den Japanern mit meiner Skepsis ja tatsächlich unrecht. Deshalb möchte ich allen Tagträumern unter der Lesern den folgenden Ausschnitt aus dem zweiten Teil des Artikels ebenfalls nicht vorenthalten:

Inemuri hat in Japan Tradition und wir früh gelernt. Schon die Kinder lernen schlafen, wenn rundherum Betrieb ist. Aber richtig populär wurde dieser Ultra-Kurzschlaf erst mit dem hektischen Arbeitsrhythmus der japanischen Boomjahre. Inzwischen wir er von den Ermüdungsforschern empfohlen, die den Rhythmus des menschlichen Körpers für den heutigen Produktionsprozess kompatibel machen wollen. Sie propagieren weniger Nachtschlaf und mehr Inemuri. Viereinhalb bis sechs Stunden im Bett seien genug, alles andere Zeitverschwendung. Kurze Schlafphasen tagsüber garantierten nicht nur Erfrischung, ja sogar echte Geistesblitze, sie reduzierten auch das Risiko von Alzheimer und verlängerten das Leben.
Mit Inemuri kann man sich in nur zwei Minuten fit machen für zwei Stunden. So werden aus einem Tag mehrere und aus einem Leben möglicherweise viel. Gründe genug, diesen japanischen Brauch sofort zu kopieren.“

Toll. Quasi eine Lizenz zum Schlafen, wo auch immer Sie wollen: „Im Zug, im Theater, im Konzert, beim Abendessen in einem Lokal, bei Vorträgen und Versammlungen. Ja sogar am Arbeitsplatz.“ Allfällige Beschwerden von Seiten des Chefs, Vereinspräsidenten oder Ihrer Begleitung zum Abendessen bitte direkt an die NZZ am Sonntag oder an die Wiener Japanologin Brigitte Steger, die als Verfasserin des Buchs „Inemuri. Wie die Japaner schlafen und was wir von ihnen lernen können“ zeichnet, richten.

Meine Antwort wäre klar: „Aufstehen.“ Oder dann ab ins Bett. Ganz nach der Devise: Entweder schlafen oder arbeiten, viel oder wenig – aber sicher nicht „schlafen, während man etwas anderes tut“.

PS: Für alle, die mitgefiebert haben: Mein Bachelor-Arbeits-Werk ist vollbracht und seit Montag eingereicht, nachdem ich in der letzten Nacht von Sonntag auf Montag zum Endspurt angesetzt hatte und mich anschliessend im Verlaufe des Tages über die Ziellinie rettete. Ohne Schlaf (den ich normalerweise sehr schätze). Ohne Power-Napping (das ich im Militär zu schätzen gelernt habe). Und auch ganz ohne Inemuri (das ich hoffentlich nie werde schätzen lernen müssen). Wie erfolgreich, wird sich im September zeigen.

Advertisements

4 Antworten to “Lob des kurzen Schlafs”

  1. マルティン Says:

    Und wann gibt’s Deine Arbeit zum Download? 😉

  2. kokoa41 Says:

    Wahrscheinlich nie. Jeder Verfasser einer Bachelor-Arbeit an der Universität St. Gallen hat nämlich – aus welchen Gründen auch immer – u.a. den folgenden Satz zu unterzeichnen:

    „Ich erkläre hiermit, dass ich ohne schriftliche Zustimmung des Rektors keine Kopien dieser Arbeit an Dritte aushändigen werde, ausgenommen nach Abschluss des Verfahrens an Studienkollegen und -kolleginnen oder an Personen, die mir wesentliche Informationen für die Bachelor-Arbeit zur Verfügung gestellt haben.“

  3. Kreativer Büroschlaf auf Japanisch « Holtz-Stosch GmbH - Stuttgart: Internationale BusinessKommunikation Says:

    […] sein” und nemuri “schlafen” zusammen. Ergibt im Deutschen also den “Anwesenheitsschlaf“. Das klingt doch viel professioneller als „Büroschlaf”. Und der Chef kann auch […]

  4. Nachtrag: Inemuri « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] gesagt: Inemuri, Anwesenheitsschlaf, “kann man überall machen, wo man eine Weile sitzen bleiben […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: