Schlafen im Zug

Dass die Japaner im Zug schlafen, ist allgemein bekannt – nicht erst seit letztem Sonntag, als in der NZZ am Sonntag die folgenden Zeilen zu lesen waren:

Es war wohl eine Art spartanisch-calvinistisch-wilhelminische Disziplinierung, die uns Westeuropäer dazu gebracht hat, den Schlaf ganz strikt der Nacht zuzuordnen. Wer am Tag schläft, gilt ja hierzuland als arbeitsscheu, selbst wenn er die Nacht durch im Rahmen von flexiblen Arbeitszeiten malocht hat. Volkswirtschaftlich kann ein solcher Rigorismus natürlich nicht aufgehen, im Gegenteil: Wie fatal er sich auswirkt, zeigt der Umstand, dass wir längst von den Japanern überflügelt worden sind. Die Japaner schlafen gern auch am Tag: Auf der Toilette, im Umkleideraum, in der U-Bahn, in der Bibliothek, im Klassenzimmer, wie es die Situation eben erfordert. Sie schlafen im Sitzen, im Stehen und im Knien, und damit sie dabei nicht allzu weit wegdriften, halten sie manchmal einen Schlüsselbund in der Hand. Dieser fällt zu Beginn der Tiefschlaf-Phase klackend zu Boden – für die Japaner das Zeichen, dass ihre 20 Schlafminuten vorbei sind und sie wieder bereit sind, im Büro Volldampf zu geben. In den Tiefschlaf, so weiss die Japanologin und Buchautorin Brigitte Steger, wollen auch Japanerinnen und Japaner nicht fallen. Sonst fühlen sie sich nach dem Nickerchen noch matter als vorher.

Von diesem für die NZZaS untypisch seichten „Kanon der Populärkultur“ kann ich zumindest die Punkte U-Bahn, Bibliothek und Klassenzimmer aus eigener Erfahrung bestätigen. Nicht so schnell vergessen werde ich vor allem jene Situation, als ich für eine Vorlesung „Economic Development“ an der Sophia University das Zimmer betrat und einen schlafenden Japaner erblickte, den die Mitstudierenden offensichtlich – ob aus Rücksicht oder Rücksichtslosigkeit sei einmal dahingestellt – am Ende der Stunde schlafen gelassen hatten. Wer weiss, vielleicht hätte ja der Trick mit dem Schlüsselbund geholfen.

Dass das Schlafen im Alltag aber zuweilen auch ein hochriskantes Unterfangen sein kann, dessen war sich der NZZaS-Autor, der die japanische Tages-Schlaf-Praxis über den grünen Klee lobte, wahrscheinlich nicht bewusst. Vielleicht wäre sein Text etwas anders ausgefallen, hätte er sich zuvor das folgende 7-sekündige Video – aufgenommen von Johannes, einem deutschen Japanisch-Klassenkameraden aus gemeinsamen Tokioter Zeiten – angesehen. Erwähnenswert ist auch der Filmbeschrieb, der in Kombination mit dem Video seinesgleichen sucht:

This guy was sleeping in the Tokyo JR Yokosuka Line, headbanging from one neighbour’s shoulder to the other. We had a funny time for 20 minutes but he always missed the handrail.

In diesem Sinne: Film ab!

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2 Antworten to “Schlafen im Zug”

  1. Lob des kurzen Schlafs « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] japanische “Ich schlafe auch gern am Tag”-Gewohnheit abgedruckt worden war (ich habe darüber berichtet), stimmte eine Woche später Literaturkritikerin Gunhild Kübler mit ihrem Artikel unter dem Titel […]

  2. Nachtrag: Inemuri « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] gesagt: Japanische Studenten sind gnadenlos. Studentinnen […]

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