Archive for Mai 2007

Schlafen im Zug

24. Mai 2007

Dass die Japaner im Zug schlafen, ist allgemein bekannt – nicht erst seit letztem Sonntag, als in der NZZ am Sonntag die folgenden Zeilen zu lesen waren:

Es war wohl eine Art spartanisch-calvinistisch-wilhelminische Disziplinierung, die uns Westeuropäer dazu gebracht hat, den Schlaf ganz strikt der Nacht zuzuordnen. Wer am Tag schläft, gilt ja hierzuland als arbeitsscheu, selbst wenn er die Nacht durch im Rahmen von flexiblen Arbeitszeiten malocht hat. Volkswirtschaftlich kann ein solcher Rigorismus natürlich nicht aufgehen, im Gegenteil: Wie fatal er sich auswirkt, zeigt der Umstand, dass wir längst von den Japanern überflügelt worden sind. Die Japaner schlafen gern auch am Tag: Auf der Toilette, im Umkleideraum, in der U-Bahn, in der Bibliothek, im Klassenzimmer, wie es die Situation eben erfordert. Sie schlafen im Sitzen, im Stehen und im Knien, und damit sie dabei nicht allzu weit wegdriften, halten sie manchmal einen Schlüsselbund in der Hand. Dieser fällt zu Beginn der Tiefschlaf-Phase klackend zu Boden – für die Japaner das Zeichen, dass ihre 20 Schlafminuten vorbei sind und sie wieder bereit sind, im Büro Volldampf zu geben. In den Tiefschlaf, so weiss die Japanologin und Buchautorin Brigitte Steger, wollen auch Japanerinnen und Japaner nicht fallen. Sonst fühlen sie sich nach dem Nickerchen noch matter als vorher.

Von diesem für die NZZaS untypisch seichten „Kanon der Populärkultur“ kann ich zumindest die Punkte U-Bahn, Bibliothek und Klassenzimmer aus eigener Erfahrung bestätigen. Nicht so schnell vergessen werde ich vor allem jene Situation, als ich für eine Vorlesung „Economic Development“ an der Sophia University das Zimmer betrat und einen schlafenden Japaner erblickte, den die Mitstudierenden offensichtlich – ob aus Rücksicht oder Rücksichtslosigkeit sei einmal dahingestellt – am Ende der Stunde schlafen gelassen hatten. Wer weiss, vielleicht hätte ja der Trick mit dem Schlüsselbund geholfen.

Dass das Schlafen im Alltag aber zuweilen auch ein hochriskantes Unterfangen sein kann, dessen war sich der NZZaS-Autor, der die japanische Tages-Schlaf-Praxis über den grünen Klee lobte, wahrscheinlich nicht bewusst. Vielleicht wäre sein Text etwas anders ausgefallen, hätte er sich zuvor das folgende 7-sekündige Video – aufgenommen von Johannes, einem deutschen Japanisch-Klassenkameraden aus gemeinsamen Tokioter Zeiten – angesehen. Erwähnenswert ist auch der Filmbeschrieb, der in Kombination mit dem Video seinesgleichen sucht:

This guy was sleeping in the Tokyo JR Yokosuka Line, headbanging from one neighbour’s shoulder to the other. We had a funny time for 20 minutes but he always missed the handrail.

In diesem Sinne: Film ab!

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Hot Pepper Beauty

17. Mai 2007

Werbung für Hot Pepper Beauty auf mixi

Nicht von schlechten Eltern, diese japanische Werbekampagne: Hot Pepper Beauty hat auf der führenden Social Networking Plattform Japans namens mixi nicht einfach nur einen Werbebanner gemietet, sondern gleich die ganze Startseite. „Wenn schon, dann richtig“, lautete wohl die Devise.

Angetan hat es mir dabei vor allem diese Uhr hier, die ich zufällig auf der Hot Pepper Beauty Website ausfindig machen konnte:

Hot Pepper Beauty Clock

Leider unterstützt WordPress kein JavaScript, deshalb musste ich die funktionierende Uhr extern aufsetzen. Einfach auf obiges Standbild klicken – und schon sagt dir die japanische Zeitzeugin, welche Zeit du gegenwärtig auf deinem Computer hast. Einverstanden, das ist keine allzu grosse Leistung – aber dennoch eine hübsche Spielerei.

Wer sich selber eine Uhr basteln will: Nur zu, es hat genug für alle.

Kimono als Finanzanlage

10. Mai 2007

Kimono-Show

Wer hätte das gedacht: Gemäss einer Meldung von CASHdaily vom vergangenen Mittwoch sehen internationale Finanzinvestoren in der traditionellen japanischen Kimono-Herstellung gute Anlagemöglichkeiten. Olympus Capital Holding hatte angekündigt, ein Drittel der Stimmrechte an Kyoto Kimono Yuzen zu übernehmen, dem fünftgrössten Hersteller.

Die Reaktion folgte auf den Fuss: Die Aktien von Kyoto Kimono Yuzen kletterten noch am selben Tag um 11.9% auf 122’000 JPY.

Wenn man an die horrenden Preise denkt, die für formelle Kimonos bezahlt werden, ist dieses Investment vielleicht gar keine so schlechte Idee. Für unsereins wäre nämlich bereits der Kauf eines Kimonos selber eine echte Investition – auch wenn die nachfolgenden Zahlen von Wikipedia sicherlich mit Vorsicht zu geniessen sind:

In der Regel sind Kimono teuer. Sie werden handgenäht, und die Stoffe, aus denen sie gefertigt sind, sind gleichfalls oft handgemacht und aufwändig dekoriert. Ein einzelner Frauenkimono kann sehr leicht mehr als 10.000 € kosten; eine komplette Ausstattung – Kimono, Unterkleider, obi, Bänder, Socken, Sandalen und Zubehör – kann über 20.000 € kosten. Ein einzelner obi kann gut Tausende Euro wert sein. Tatsächlich sind jedoch die meisten Kimono von Hobbyisten oder Vertretern der traditionellen Kunst weit weniger teuer.

Namen

9. Mai 2007

Sumo-Ausgangsstellung

Was haben Japaner mit den Schweizer Schwingern gemeinsam, abgesehen von Ähnlichkeiten des Schweizer Nationalsports mit dem japanischen Sumo-Ringen?

Die Reihenfolge von Vor- und Nachname: Wie bei den Schweizer Schwingern wird bei japanischen Namen nämlich der Familienname vorangestellt. Aus mir wurde in Japan in diesem Sinne Furettsu Shutefan – oder eben viel schöner in Katakana: フレッツシュテファン.

Die japanische Umschrift meines Namens hatte dabei zusätzlich einen schönen Nebeneffekt: Aus zwei Silben (Ste-phan) resp. gar nur einer (Fretz) wurden zweimal deren drei (Shu-te-fan / Fu-re-ttsu) [Nachtrag: oder auch nicht]. Da meinen Beobachtungen gemäss drei Silben der idealen Länge eines japanischen Wortes entsprechen, war mein Name also gleich in doppelter Hinsicht japankompatibel. Und dank seiner Kürze hatte der Nachname sogar auf einem japanischen Hanko (Namenssstempel) Platz.

Golden Week

4. Mai 2007

Golden Week 2007

Die Japaner geniessen derzeit in konzentrierter Form, was sich dieser Tage in der Schweiz über mehrere Wochen verteilt: Feiertage en masse.

Während die Schweizer Feiertage im Frühling grösstenteils religiös (Ostern, Auffahrt, Pfingsten) oder politisch (1. Mai) bedingt sind, hat das gegenwärtige japanische Feiertags-Feuerwerk andere Hintergründe:

29. April: Showa Day (showa no hi)
Geburtstag des im Jahre 1989 verstorbenen Kaisers Showa

3. Mai: Constitution Day (kenpo kinenbi)
Tag der Inkraftsetzung der Nachkriegsverfassung im Jahre 1947

4. Mai: Greenery Day (midori no hi)
Feiertag zu Ehren der Umwelt und der Natur

5. Mai: Children’s Day (kodomo no hi)
Feiertag zu Ehren der Knaben

Die Golden Week besteht also aus vier einzelnen Feiertagen innert sieben Tage. Sofern die Wochenenden passend zu liegen kommen, wird die Golden Week jeweils neben Neujahr und Obon zu einer der drei wichtigsten Ferienzeiten des Jahres. Die öffentlichen Verkehrsmittel, Sightseeing-Destinationen und Unterkünfte in Touristen-Gegenden sind während dieser Zeiten dementsprechend überfüllt, die Preise für Flüge und Hotels auf einem Jahres-Zwischenhoch. Nicht unbedingt die idealen Bedingungen für eine Japan-Ferienwoche, auch wenn die klimatischen Verhältnisse mit zuverlässig gutem Wetter und angenehmen Temperaturen normalerweise nahezu perfekt sind.

Dieses Jahr resultierten aus den Feiertagen der Golden Week zwei separate Ferienwochenenden von drei resp. vier Tagen. Da der Showa Tag auf einen Sonntag fiel, wurde auch der darauffolgende Montag zu einem Feiertag, wie obiger Grafik (die wie die übrigen Informationen von der Japan-Websites meines Vertrauens stammt) zu entnehmen ist. Über diese angenehme Eigenheit des japanischen Festtagskalenders hatte ich bereits früher einmal berichtet.