Sumō

Sumō (Kokugikan, Tokyo)

Von Sumō, Japans traditionellem Ringkampf, hielt ich bis am vergangenen Mittwochmorgen nicht viel. Die wenigen Ausschnitte, die ich zu Hause bei meiner Gastfamilie im Fernsehen geschaut hatte, hatten mich nicht wirklich für diese Sportart zu begeistern vermocht. Leicht bekleidete, dafür stark übergewichtige Fleischberge, die sich gegenseitig aus dem Ring zu stossen versuchen – nichts für mich. Glaubte ich zumindest.

Nachdem mir jedoch drei Mitstudierende unabhängig voneinaner begeistert von ihrem Besuch am Sumō-Turnier erzählt hatten, wollte ich mir mit meinen eigenen Augen ein Bild von diesem Fleisch-Sport-Spektakel machen und fuhr am Mittwochnachmittag als absolute Sumō-Banause in die Kokugikan-Arena, wo derzeit (noch bis morgen Sonntag) das aktuelle Turnier stattfindet. Mit dem Ergebnis, dass ich am Abend als zwar noch immer unwissender, aber begeisterter Live-Sumō-Fan nach Hause zurückkehrte.

Wer nie selbst an einem Kampf mitdabei gewesen ist, wird die Faszination dieses Sports aus Zuschauersicht wohl nicht verstehen können. Der eigentliche Kampf dauert im Normalfall bloss einige wenige Sekunden. Ihm voraus geht jedoch eine maximal vierminütige Vorbereitungsphase, in der die Spannung Schritt für Schritt aufgebaut wird. Die beiden Kämpfer – rikishi genannt – verlassen in dieser Phase des Kampfes mehrere Male ihre Kampfvorbereitungsposition, schreiten in ihre Ringecke und führen dabei verschiedene symbolische Bewegungen (u.a. Wasser trinken, Salz werfen, Beine anheben) durch, was zugleich einem mentalen „cold warfare“ gleichkommt, wie es in der Broschüre der Nihon Sumo Kyokai heisst. Der eigentliche Kampf beginnt erst dann, wenn sich beide Kämpfer dazu bereit fühlen: Sobald alle vier Fäuste gleichzeitig den Boden des dohyo berühren, ist der Kampf eröffnet. Es gibt also kein Start-Signal des Ringrichters, wie es beispielsweise beim Boxen der Fall ist.

Dieser Kampfablauf führt dazu, dass – zumindest für mich – ein Sumō-Kampf stark von der Live-Atmosphäre lebt. Eine rund dreiminütige Vorbereitungsphase für einen Kampf von wenigen Sekunden kann ansonsten eine eher langweilige Angelegenheit darstellen (so erlebt ganz am Anfang des Nachmittags, als die Arena noch weitestgehend leer war).

Wenn sich die Zuschauerränge jedoch für die besten Kämpfe füllen und die Leute in feucht-fröhliche Stimmung kommen (es wird reichlich getrunken, wie mein Mitstudent Johannes recherchiert hat), ist die Atmosphäre einmalig: Während mehrerer Minuten wird eine Spannung aufgebaut, die sich anschliessend innert weniger Sekunden entlädt – mit einem japanischen Publikum, das für einmal keine Zurückhaltung zeigt.

Fazit: Live-Sumō ist wirklich ganz grosses Kino, das ich jedem wärmstens empfehle, der während einer Turnier-Zeit in Tokyo weilt. Ob mich der Sport in Zukunft auch am Fernsehen begeistern kann, wird sich noch weisen müssen. Ich bin eher skeptisch – aber ich wurde ja bereits einmal eines Besseren belehrt.

Für euch, die ihr nicht live mit von der Partie sein konntet, habe ich heute vier kurze Videos auf Youtube gestellt. Die Qualität hat dabei leider erneut stark gelitten – ich hoffe, dass ihr gleichwohl etwas von der Stimmung mitkriegen könnt.

Video 1: Wer genau hinschaut, kann den Beginn des Kampfes (vier Fäuste gleichzeitig am Boden) erkennen – oder zumindest erahnen.

Video 2: Auch Fehlstarts können vorkommen – und bleiben ungestraft.

Video 3: Ein schöner Kampf, der sogar die neben mir sitzenden Frauen zu begeistern vermochte.

Video 4: Der Schlusskampf des Tages, gewonnen durch den 148 kg schweren Asashoryu, den aktuellen Nummer-1-Rikishi im Range eines Yokozuna aus der Mongolei.

P.S.: Wer sich näher für Sumō interessiert, der findet im deutschsprachigen Wikipedia-Beitrag oder auf der Website der japanischen Sumo-Vereinigung (in Englisch) viele weitere spannende Informationen. Schöne Fotos von den Kämpfen, die am Tage meines Besuchs stattgefunden haben, lassen sich im Foto-Verzeichnis eines deutschen Austauschstudenten ansehen.

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