Archive for Januar 2007

(Y)en

31. Januar 2007

(Y)en

Bereits einige Mal habe ich mich über die japanische Gepflogenheit, englische Wörter bei der Integration in die japanische Sprache sowohl lautlich umzuformen als auch zu verkürzen, und über die daraus resultierenden Schwierigkeiten für deren Verständnis erläutert.

Es gibt aber auch ein prominentes Beispiel in der anderen Richtung: Die japanische Währung heisst auf Japanisch nicht „Yen“, sondern bloss „En“. Da haben sich also wohl die Amerikaner die Aussprache mittels Hinzufügens des „Y“ am Anfang leicht gemacht, auch wenn es im Japanischen gar keine Silbe „Ye“ gibt (im Gegensatz zu „Ya“, „Yu“, „Yo“). Yen ist also auch vom Wortklang her kein japanisches Wort, obschon es vielleicht für Nicht-Japanisch-Kenner einen solchen Anschein macht. Sehr praktisch ist dagegen die Umrechung in Schweizer Franken: Ein japanischer Yen entspricht etwas mehr als einem Schweizer Rappen. Wenn man also die japanischen Preise durch 100 dividiert und etwas aufrundet, ist man sehr genau beim Schweizer Franken-Äquivalent.

Wenn wir aber gerade beim Thema Aussprache sind: Die japanische Umschrift in Romaji (Alphabet) wird stets englisch ausgesprochen. Judo heisst folglich nicht „Iuudoo“, sondern „Dschuudoo“ (aber stimmhaft, wie z.B. im Englischen „June“). Ebenso werden beim Eindeutschen von japanischen Begriffen viele Akzente (falsch) neu hinzugefügt. Es heisst also im Japanischen nicht „Karáte“ (Betonung auf zweiter Silbe), sondern „karate“ (alle drei Silben in etwa gleich stark betont resp. unbetont), oder „sumoo“ (ein langes O am Ende, während das U beinahe verschluckt wird) und nicht „Súmo“.

Denkt also das nächste Mal an mich, wenn ihr euch im Judo, Karate oder gar Sumo mit euren Schweizer Konkurrenten misst.

Oder wenn ihr in euer neues Toyota-Auto (kein Akzent!) steigt.

[PS: Die Foto zeigt den ganzen Yen-Inhalt meines Portemonnaies Stand Mittwochmittag, 31. Januar 2007, nach dem zweiten von fünf geplanten Ausgangsabenden dieser Woche. Ich werde also wohl heute meiner japanischen Bank des Vertrauens (MUFG) noch einen kurzen Besuch abstatten müssen, um für die weiteren abendlichen Entdeckungsreisen durch Tokyo gerüstet zu sein.]

All you can drink and eat

30. Januar 2007

All you can drink and it @ Takadanobaba

29. Januar 2007: Die letzte Prüfung meines Japan-Austauschsemesters (Economic Development) ist seit 16.45 Uhr Geschichte. Das soll gefeiert werden.

Und das wurde es auch bereits, und zwar nicht zu knapp: „All you can drink and eat“ zusammen mit sieben (Ex-)Japanisch-Klassenkameraden in Takadanobaba, wenige Yamanote-Zug-Minuten nördlich von Shinjuku. Shabu-Shabu ohne Ende, zwei Platten Sushi, dazu Bier, kalter Rotwein [aber ohne Eiswürfel, Anm. für mds] und warmer Nihonshu – und zum Abschluss einige Stück Grüntee-Kuchen (was es nicht alles gibt). Einfach herrlich.

Wer jetzt denkt, damit hätte ich mein Wochenausgangsbudget bereits arg in Mitleidenschaft gezogen, den kann ich beruhigen: 2500 Yen, rund 25 Schweizer Franken, hat der ganze Spass gekostet – all inclusive. Wahrlich ein Schnäppchen. Zumindest für Schweizer Verhältnisse.

Männermagazine

27. Januar 2007

Zugebundene Zeitschriften

Sie gehören normalerweise zum Anblick eines Convenience Stores dazu: Männer, die sich in der Zeitschriften-Ecke die neuesten Magazine kostenlos zu Gemüte führen.

Ein solches Trittbrett-Fahren resp. -Lesen ist in jenem konbini (jap. für Convenience Store) in Ikebukuro, in dem ich die obige Foto aufgenommen habe, nicht möglich: Jede Zeitschrift ist einzeln mit einer Schnur zugebunden. Ein aus meiner Sicht gewaltiger Aufwand, der erahnen lässt, welche wirtschaftlichen Dimensionen das Lese-Schmarotzertum mittlerweile angenommen haben muss.

Gestern Freitag hatte ich im Wartezimmer des Uni-Coiffeurs endlich auch Gelegenheit, mir einmal etwas genauer anzusehen, was denn die japanischen Männer in den Convenience Stores und unterwegs mit grossem Interesse verschlingen.

Fazit: „Sex & Crime“ – für einmal im wörtlichsten Sinne: In diesen Mangas für Männer geht es sehr explizit und gewaltsam zur Sache, mit Frauen mit unjapanisch grossen Oberweiten und dunklen Gestalten. Nichts für Micky-Maus-Liebhaber also, sondern Soft-Porno einmal anders, auf japanische Art, halt.

Bei einem Blick ins „Friday“-Magazin fühlte ich mich schon eher in Schweizer Landen, auch wenn die inhaltliche Gewichtung sehr speziell ist: Der vordere und hintere Teil, die eher wenigen redaktionellen Seiten, sind ganz in Schwarz-Weiss gehalten. In Farbe kommen nur die vielen Pin-Up-Girls daher, welche sich allermeistens mit Bikini bekleidet in mehr oder minder erotischen Posen an Sandstränden und anderen Orten räkeln. Wohl als absoluter Höhepunkt für die japanische Männerwelt gibt es ganz selten sogar blanken Busen zu sehen – oder eine nackte Frau unter der Dusche, im Bravo-Stil.

Irgendwie überraschen mich nach diesen Eindrücken die zahlreichen sexuellen Übergriffe von japanischen Männern auf Japanerinnen noch weniger als zuvor.

Und die Mangas werde ich weiterhin links liegen lassen. Auch ohne Schnur.

katto: I did it again

26. Januar 2007

davor und danach

Meinem 8 mm kurzen Besuch im vergangenen November und ähnlich kurzen Erfahrungen von Blogger-Kollege Helmut zum Trotz: Heute bin ich wieder hingegangen.

Der Wortschatz meines japanischen Uni-Coiffeurs ist derselbe geblieben – ausser, dass er heute nur zwei der drei Wörter einsetzen musste: „katto“ (das englische Verb „cut“ japanisch ausgesprochen) vor dem Schneiden, „thank you“ nach dem Schneiden. Auf die „bald“-Maschine habe ich heute bewusst verzichtet – in der Hoffnung, ich würde dieses Mal etwas ungeschorener davon kommen.

Resultat: Eine volle Stunde lang (!) schnitt Mr. Katto mit seiner Schere (unter Zuhilfenahme einer ganzen Palette unterschiedlicher Kämme) so lange an meinen Haaren herum, bis von diesen nicht viel mehr übrig blieb als – 8 mm.

Gut, wahrscheinlich sind es einige Millimeter mehr – aber dafür von Hand geschnitten und folglich nicht alle gleich kurz. Gäbe es ein nächstes Mal, ich würde wieder die „bald“-Methode „8 mm“ wählen. Und sei es nur, damit Mr. Katto auch das dritte Wort seines Englisch-Wortschatzes intensiv üben kann.

Kostenpunkt dieses stündigen Haargeschnippsels: 1600 Yen, gut 16 Schweizer Franken. Zumindest der Preis stimmt – so klein wie die Haare danach.

Motor an – Licht aus

25. Januar 2007

Abendstimmung in Heiwadai (Tokyo)

Weil das Beste oft in der Nähe liegt: Abendstimmung in Tokyo, aufgenommen unmittelbar ausserhalb der Metro-Station „Heiwadai“ am 10. Januar dieses Jahres.

Was dem Schweizer Betrachter vielleicht auffällt: Japanische Autofahrer setzen ihre Lichter – ganz analog zu den Velofahrern – nur sehr sparsam ein. Ob Dämmerung, Regen oder gar Schneefall: Eingeschaltete Autolichter sind eher eine Ausnahme denn die Regel.

Ob sich die Lichtempfindlichkeit der Augen von Japanern tatsächlich von derer europäischer Augen unterscheidet, wie mir mein Gastbruder erzählte, als ich ihn auf diesen Umstand ansprach?

わからない – keine Ahnung. Zumindest die internationalen Unfallstatistiken sprechen eine andere Sprache.

Vielleicht sind die Ursachen hierfür aber auch ganz anders gelagert:

„This is a great country. Lovely people. Has been my second home country for several decades. But the worst drivers here for sure.“ (presto344)

Auf ein diesbezügliches Urteil möchte ich mich nicht hinauslassen. Aber wenn ich an die Rückwärts-Einpark-Szenen mit meinem Gastbruder zurückdenke, hat presto344 vielleicht gar nicht so unrecht.

haniitoosuto

25. Januar 2007

Honey Toast in der Mensa der Sophia University, Tokyo

Ich bin ja zwar eigentlich grundsätzlich nicht von der allzu süssen Sorte – aber obiger haniitoosuto (ハニートースト) , erhältlich im Fast Food Corner der Sophia-Mensa im Gebäude Nr. 2, hat es mir richtiggehend angetan: Toast mit Honig, Vanille-Glacé und Zimt – perfekt für den kleinen, süssen Hunger zwischendurch.

Und an einem Tage wie dem heutigen, dem mutmasslichen Zenit meiner Japanisch-Karriere (nach Oral Exam am Montag, Kanji-Prüfung am Dienstag und Grammatik am Mittwoch), hatte ich ihn mir sogar redlich verdient.

Kostenpunkt: 200 Yen, gut 2 Schweizer Franken. Also auch an der Preisfront alles im hellgrünen Bereich.

Nachtrag: Metro Rush Hour

24. Januar 2007

Als ich am Sonntag vor einer Woche meinen Beitrag „Metro: Rush Hour“ für den in Bälde erscheinenden prisma-Artikel überarbeitete, dachte ich leise bei mir: „Naja, etwas dick aufgetragen hast du schon.“

Nach den gestrigen und heutigen Rush-Hour-Erfahrungen muss ich dieses mässigende Urteil jedoch wieder revidieren und nochmals festhalten: Der Metro-Morgenkampfsport ist tatsächlich so, wie geschildert, und nicht etwa angenehmer.

Jeder Rush-Hour-Metro-Reisende steht dabei mit durchschnittlich fünf anderen Passagieren in engem Körperkontakt, wobei eng in casu als wirklich eng zu verstehen ist: als „aneinander und ineinander gequetscht“ nämlich. Die Luft in der Metro ist dementsprechend stickig und warm.

Platzangst definitiv unerwünscht.

Nachts um 02.30 Uhr im MSN

23. Januar 2007

Wenn nachts um 02.30 Uhr an einem Montagabend noch zwei von vier Japanisch-Mitstudenten im MSN-Messenger als „Online“ oder „Beschäftigt“ erscheinen, dann ist dies ein unverkennbares Zeichen dafür, dass am nächsten Tag Grosses bevorstehen muss.

Und so ist es denn auch: Kanji Final Exam. ちょっとたいへんですね – eine eher mühsame Angelegenheit. Oder im nächtlichen O-Ton:

kokoa41 @ tokyo sagt:
still awake?
Leif sagt:
damn kanjis 😦
kokoa41 @ tokyo sagt:
sou da ne…

biiru

22. Januar 2007

biiru

Japaner und Japanerinnen lieben Bier. Leider vertragen jedoch etliche unter ihnen den Alkohol nicht und laufen bereits beim Genuss kleiner Mengen nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper rot an (von diesem Phänomen mit meinen eigenen Augen überzeugen konnte ich mich leider bislang noch nicht, muss ich gestehen). Aber „I like drinking, but I am not good at drinking“ hatte mir bereits die japanische Studentin, die mich im September vom Flugplatz Narita abgeholt hatte, berichtet. Sie und ihresgleichen wissen um ihre Schwäche und halten sich dementsprechend beim Alkohol-Konsum zurück.

Anderes erlebt man abends in den Tokiotern Izakaya: Japanische Männer, meistens Office-Kollegen unter der Leitung ihres Chefs, bechern, was das Zeug hält. Ganz nach dem Motto des obigen Biers:

„For the best moments in life, let yourself go.“

Sumō

20. Januar 2007

Sumō (Kokugikan, Tokyo)

Von Sumō, Japans traditionellem Ringkampf, hielt ich bis am vergangenen Mittwochmorgen nicht viel. Die wenigen Ausschnitte, die ich zu Hause bei meiner Gastfamilie im Fernsehen geschaut hatte, hatten mich nicht wirklich für diese Sportart zu begeistern vermocht. Leicht bekleidete, dafür stark übergewichtige Fleischberge, die sich gegenseitig aus dem Ring zu stossen versuchen – nichts für mich. Glaubte ich zumindest.

Nachdem mir jedoch drei Mitstudierende unabhängig voneinaner begeistert von ihrem Besuch am Sumō-Turnier erzählt hatten, wollte ich mir mit meinen eigenen Augen ein Bild von diesem Fleisch-Sport-Spektakel machen und fuhr am Mittwochnachmittag als absolute Sumō-Banause in die Kokugikan-Arena, wo derzeit (noch bis morgen Sonntag) das aktuelle Turnier stattfindet. Mit dem Ergebnis, dass ich am Abend als zwar noch immer unwissender, aber begeisterter Live-Sumō-Fan nach Hause zurückkehrte.

Wer nie selbst an einem Kampf mitdabei gewesen ist, wird die Faszination dieses Sports aus Zuschauersicht wohl nicht verstehen können. Der eigentliche Kampf dauert im Normalfall bloss einige wenige Sekunden. Ihm voraus geht jedoch eine maximal vierminütige Vorbereitungsphase, in der die Spannung Schritt für Schritt aufgebaut wird. Die beiden Kämpfer – rikishi genannt – verlassen in dieser Phase des Kampfes mehrere Male ihre Kampfvorbereitungsposition, schreiten in ihre Ringecke und führen dabei verschiedene symbolische Bewegungen (u.a. Wasser trinken, Salz werfen, Beine anheben) durch, was zugleich einem mentalen „cold warfare“ gleichkommt, wie es in der Broschüre der Nihon Sumo Kyokai heisst. Der eigentliche Kampf beginnt erst dann, wenn sich beide Kämpfer dazu bereit fühlen: Sobald alle vier Fäuste gleichzeitig den Boden des dohyo berühren, ist der Kampf eröffnet. Es gibt also kein Start-Signal des Ringrichters, wie es beispielsweise beim Boxen der Fall ist.

Dieser Kampfablauf führt dazu, dass – zumindest für mich – ein Sumō-Kampf stark von der Live-Atmosphäre lebt. Eine rund dreiminütige Vorbereitungsphase für einen Kampf von wenigen Sekunden kann ansonsten eine eher langweilige Angelegenheit darstellen (so erlebt ganz am Anfang des Nachmittags, als die Arena noch weitestgehend leer war).

Wenn sich die Zuschauerränge jedoch für die besten Kämpfe füllen und die Leute in feucht-fröhliche Stimmung kommen (es wird reichlich getrunken, wie mein Mitstudent Johannes recherchiert hat), ist die Atmosphäre einmalig: Während mehrerer Minuten wird eine Spannung aufgebaut, die sich anschliessend innert weniger Sekunden entlädt – mit einem japanischen Publikum, das für einmal keine Zurückhaltung zeigt.

Fazit: Live-Sumō ist wirklich ganz grosses Kino, das ich jedem wärmstens empfehle, der während einer Turnier-Zeit in Tokyo weilt. Ob mich der Sport in Zukunft auch am Fernsehen begeistern kann, wird sich noch weisen müssen. Ich bin eher skeptisch – aber ich wurde ja bereits einmal eines Besseren belehrt.

Für euch, die ihr nicht live mit von der Partie sein konntet, habe ich heute vier kurze Videos auf Youtube gestellt. Die Qualität hat dabei leider erneut stark gelitten – ich hoffe, dass ihr gleichwohl etwas von der Stimmung mitkriegen könnt.

Video 1: Wer genau hinschaut, kann den Beginn des Kampfes (vier Fäuste gleichzeitig am Boden) erkennen – oder zumindest erahnen.

Video 2: Auch Fehlstarts können vorkommen – und bleiben ungestraft.

Video 3: Ein schöner Kampf, der sogar die neben mir sitzenden Frauen zu begeistern vermochte.

Video 4: Der Schlusskampf des Tages, gewonnen durch den 148 kg schweren Asashoryu, den aktuellen Nummer-1-Rikishi im Range eines Yokozuna aus der Mongolei.

P.S.: Wer sich näher für Sumō interessiert, der findet im deutschsprachigen Wikipedia-Beitrag oder auf der Website der japanischen Sumo-Vereinigung (in Englisch) viele weitere spannende Informationen. Schöne Fotos von den Kämpfen, die am Tage meines Besuchs stattgefunden haben, lassen sich im Foto-Verzeichnis eines deutschen Austauschstudenten ansehen.