Verkehrsampel

Verkehrsampel

Auf den ersten Blick scheinen die japanischen Verkehrsampeln wenig Potenzial für interkulturelle Unterschiede in sich zu bergen: Bei Rot warten, bei Grün fahren oder den Fussgängerstreifen überqueren – gleich ob in der Schweiz oder in Japan.

Könnte man denken – und so tat ich es denn auch, als ich an einem meiner allerersten Abende in Tokyo auf dem Beifahrersitz im Auto mit meiner Gastmutter durch die nähere Umgebung kurvte. Zu jenem Zeitpunkt konnte sie so gut wie kein Wort Englisch, ich so gut wie kein Wort Japanisch, und die Konversation gestaltete sich dementsprechend schwierig. Meine Gastmutter – Primarlehrerin von Beruf – lehrte mich indes bereits auf dieser ersten Fahrt durch die Strassen von Kasuga-cho die ersten japanischen Wörter: Fuhr ein anderes Auto vorbei, wies sie mit dem Finger daraufhin und sagte „jidoosha“, kreuzten wir ein Velo, dann hiess es entsprechend „jitensha“. Mit der Dauer der Fahrt machte ich selber den Schritt von der Anlern- in die Festigungsstufe und tat ihr gleiches nach: „jidoosha“, „jitensha“, „jidoosha“, „jidoosha“, „jitensha“ – die ersten Japanisch-Wörter wollten intensiv geübt sein.

Zu diesen zählten neben Auto und Fahrrad auch die roten und grünen Verkehrsampeln: Passierten wir eine grüne Ampel, war „ao“ angesagt; mussten wir vor einen roten Ampel anhalten, hiess es entsprechend „aka“. Als fünftes Wort gesellte sich jedesmal, wenn wir an einem Kinderwagen vorbeifuhren, „akachan“, Baby, hinzu.

Nach der Autospritzfahrt durchs Quartier, welche auch einen Zwischenhalt bei der naheliegenden Rundbahn und beim Karate-Trainings-Raum der lokalen Jugend umfasste, kehrten wir erschöpft, aber zufrieden nach Hause zurück. Und ich war stolz, die ersten fünf neuen Japanisch-Wörter gelernt zu haben: Auto, Fahrrad, Baby, Rot und Grün.

Dachte ich mir jedenfalls.

Denn die Ernüchterung folgte beim Gespräch mit dem Gastvater auf den Fuss: „ao“ heisst nicht wie angenommen Grün, sondern Blau. Ein kultureller Unterschied also, wo ich ihn am wenigsten erwartet hatte.

Wer die obige Foto genau betrachtet, wird feststellen, dass das Grün der japanischen Ampeln tatsächlich einen merklich höheren Blau-Anteil besitzt als jenes der Pendants in der Schweiz. Das Türkis-Grün der Ampeln liegt jedoch in meinen Augen bei weitem näher bei einem Grün als bei einem Blau. Insbesondere in der Nacht ist mein Urteil klar: Auch die japanischen Grün-Ampeln sind grün. Eine Wahrnehmung, die übrigens auch das befreundete Ehepaar meines Onkels bei der vorgestrigen gemeinsamen Autofahrt teilte.

Die subjektive Frage „Grün oder Nicht-Grün“ ändert jedoch nichts am überraschenden Umstand: In Japan werden die Grün-Ampeln Blau genannt.

Der Schein trügt also. Für einmal im wahrsten Sinne des Wortes.

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