Kinkaku-ji (Kyoto)

Kinkaku-ji (Kyoto)

Wohl noch nie in meinem Leben war ich vom blossen Anblick eines Bauwerks so überwältigt, wie am Freitagnachmittag, 3. November 2006, etwas nach 16.35 Uhr nachmittags, als ich den Kinkaku-ji in Kyoto betrat und die Sicht auf den Goldenen Pavillon frei wurde: Ein unbeschreibliches Gefühl – wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen.

Warum?

Manchmal im Leben liegen die persönlichen Erwartungen tief – und man wird anschliessend äusserst positiv überrascht, wie es beispielsweise an Morgen desselben Tages beim Besuch des Fushimi Inari Taisha der Fall gewesen war.

Manchmal im Leben indes liegen die Erwartungen extrem hoch – und es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass sie nicht erfüllt werden. Wenn dann die Erwartungen, die auf einer Skala von 1 – 100 bei 100 liegen, nochmals um 30 Punkte übertroffen werden, dann… ja dann… ist man einfach überwältigt, und denkt sich: absolut fantastisch, so etwas Herrliches erleben zu dürfen. Eben: Wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen.

Ganz genau so ist es mir an jenem Freitag im November ergangen, und noch heute, am 24. Dezember 2006, überkommt mich ein Gefühl des Überwältigtseins, wenn ich daran zurückdenke.

In meinem Polyglott-Japan-Führer ist auf Seite 268 ein wunderschönes Bild des Kinkaku-ji in der Abendsonne abgedruckt. Nachdem ein französischer Mitstudent von mir, der den Kinkaku-ji am Vortag besucht hatte, kurz nach vier Uhr nachmittags beim Tempel angekommen war und den Höhepunkt der Sonneneinstrahlung verpasst hatte, war mein Tagesziel an jenem Freitag klar: Ich wollte den Kinkaku-ji sehen, und zwar nicht vor Sonnenuntergang, nicht nach Sonnenuntergang, sondern genau „à point“, bei perfekter horzontaler Sonneneinstrahlung, gerade bevor die Sonne (einiges früher als in anderen Teilen Kyotos) hinter den naheliegenden Hügeln untergeht. Das Bild im Reiseführer liess mich erahnen, wie toll der Kinkaku-ji zu genau diesem Tageszeitpunkt und bei Sonnenschein sein sollte – und bildete gleichzeitig die Basis für meine Erwartungen. So schön sollte es sein – im Minimum. Alles andere hätte mich enttäuscht.

Nachdem ich mir am Morgen bereits die Pagode des To-ji, über den Mittag die Torii des Fushimi Inari Taisha und anfangs Nachmittag die 1001 Kannon-Statuen im Sanjusangen-do angesehen hatte, sattelte ich etwas nach 14.30 Uhr auf dem Parkplatz des letztgenannten Tempels mein Velo und wusste: Es würde eng werden.

Denn während der Sanjusangen-do eher im südöstlichen Teil von Kyoto (relativ nahe des Bahnhofs) liegt, steht der Kinkaku-ji im norwestlichen Teil der Stadt: Dazwischen rund 10 Velo-Kilometer quer durch die Stadt, immer leicht aufwärts. Ich fuhr also mit meinem gemieteten Eingänger auf den Trottoirs von Kyoto, so schnell es die Fussgänger und die vielen Rotlicher der Querstrassen erlaubten. Immer wieder der prüfende Blick Richtung „Links“, Westen, wo sich die Sonne immer stärker dem Horizont zu senkte. Ein Wettrennen mit der Zeit – und ich sass am kürzeren Hebel: Ein Gang musste reichen.

So pedalte ich, pedalte immer stärker, überquerte die eine oder andere unbefahrene Querstrasse auf dem Fussgängerstreifen auch bei Rotlicht (was Japaner normalerweise nicht zu tun pflegen – ausser irgendjemand bricht das Eis, dann folgen sie häufig noch so gerne), und dachte mir immer: Hoffentlich reicht es. Hoffentlich reicht es. Und nochmals eine Querstrasse. Und nochmals eine. Und noch eine. Sie schienen nicht weniger werden zu wollen.

Minute um Minute verging – und ich, der ich nach einem ausgiebigen Frühstück eigentlich kein Mittagessen zu mir genommen hatte, pedalte und pedalte weiter, vom Adrenalin und meinem Tagesziel angetrieben.

Und dann endlich gegen 15.30 Uhr: Ankunft beim Kinkaku-ji. Jetzt nur keine weitere Zeit verlieren. In den Massen, die vorwiegend zu Fuss, per Car oder Auto gegen Japans Tempel Nr. 1 zuströmten, war dies jedoch gar nicht so einfach. Einer der Verkehrspolizisten hiess mich, einige Meter zurückzufahren und mein Velo auf dem dafür vorgesehen Parkplatz abzustellen. Gesagt, getan – und wieder einige kostbare Sekunden beim Warten am Rotlicht verloren.

Auf dem Weg zur Kinkaku-ji-Kasse kannte ich daraufhin für einmal keine schweizerische Zurückhaltung und schlängelte mich mitten in den den Hunderten von anderen Touristen, die gegen den Kinkaku-ji zuströmten, so schnell wie möglich zur Kasse, kaufte mir ein Eintrittsticket zum Schnäppchen-Preis von blossen 600 Yen – und betrat das Tempelgelände.

Daraufhin eine letzte Kurve auf dem Fussweg, und dann stand ich endlich am wohl heissest umkämpften Platz in ganz Japan: An jenem Ort, von wo aus man eine Foto des Kinkaku-ji eben schiessen muss. Die meisten Touristen wollen dabei – wie es sich für das Sightseeing nach japanischer Art gehört – nicht nur eine Foto vom Kinkaku-ji, sondern eine von sich vor dem Kinkaku-ji, was nochmals einige zusätzliche fotografische Erschwernisse mit sich bringt.

Gedränge, Geknipse, Geschupse – und mittendrin ein Schweizer Gaijin mit seinem schwer gepackten Tagesrucksack, der vom Anblick des Tempels überwältigt ist und für einmal kein Pardon kennt: Ich kämpfte mich bis ganz zuvorderst an den Teichrand und fotografierte, was das Zeug hielt. Vom obigen Sujet zwischen 20 und 30 Fotos, jeweils mit leicht unterschiedlichen Bildausschnitten und von unterschiedlichen Standorten aus.

Denn ich hatte das Allergrösste erwartet, und diese Erwartungen wurden nochmals bei weitem übertroffen. Das Glück auf Erden – für einmal zum Greifen, oder zumindest zum Fotografieren nahe.

Wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen. Und ein Lotto-Gewinn dazu.

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