Archive for Dezember 2006

Japanische Frauen (3)

31. Dezember 2006

Japanische Frauen

Heute: Von Hüfte bis Haar

Eigentlich wollte ich den längst fälligen dritten Beitrag über die japanischen Frauen mit einem anderen Bild illustrieren. Da man jedoch auch nicht Melanie Winiger oder Fiona Hefti heranziehen sollte, um ein Beispiel für eine typische Schweizerin zu geben, habe ich mich dazu entschlossen, diesen Artikel mit einer Durchschnitts-Japanerin zu bebildern – soweit dies denn überhaupt möglich ist. Angetroffen habe ich obige Abbildung einer Japanerin „wie du oder ich“ vor einem McDonald’s in Heiwadai. Keine Kandidatin für die Wahlen zur Miss Japan, aber auch kein hässliches Entlein. So soll es sein.

Die wichtigsten Dinge, die einem europäischen Mann beim Anblick der oberen Körperhälfte (über die andere habe ich mich bekanntlich bereits ausgiebig [hier und hier] ausgelassen) auffallen, sind auch bei dieser Japanerin bestens erkennbar. Der offensichtlichste Unterschied zu Frauen aus anderen Ländern ist wahrscheinlich: Die Japanerinnen tragen normalerweise überhaupt kein Décolleté zur Schau. Den obigen V-Ausschnitt würde ich bereits als ziemlich keck bezeichnen; normalerweise wird der ganze Oberkörper bis zum Hals von einem ausschnittslosen Top bedeckt.

Zu bedauern ist dies aus einer männlichen Perspektive nicht besonders, gibt es doch bei den Japanerinnen in diesem Körperbereich in den allermeisten Fällen auch nicht wirklich viel zu sehen. Dass die im Vergleich zu Europäerinnen oder Amerikanerinnen deutlich kleinere Oberweite jedoch auch für die Japanerinnen zuweilen ein Problem darstellen kann, lässt sich beispielsweise daran erkennen, dass sogar in der Frauen-Umkleidekabine des Schwimmbads der Sophia Universität BH-Einlagen erhältlich sind, die für ein bisschen mehr Volumen sorgen sollen. (So jedenfalls hat mir eine französische Austauschstudentin berichtet.)

Wenn der männliche Blick also einmal die Hüfthöhe überquert hat, lenkt ihn – im Gegensatz zur Schweiz – nichts vom Gesicht ab. Dazu tragen auch die Haare bei, die in Japan von Natur aus eine einzige uniforme Farbe haben: Schwarz. Um dieser Eintönigkeit zu entfliehen, lassen sich jedoch viele Japanerinnen die Haare braun färben, oder sie lockern das Schwarz zumindest mit einigen braunen Strähnen auf. Dies führt dazu, dass sich dem männlichen Betrachter ein ebenso uniformes Bild bietet: Naturschwarze Haare, zumeist aufgelockert mit einem braunen Mèche.

Aber nicht nur die Farbe, sondern auch die Art der Haare ist weitestgehend dieselbe: glatt, ohne Locken. Dies führt wiederum dazu, dass sich viele Frauen künstliche Locken verpassen lassen, um sich etwas vom Schwarz-Glatt-Image abzuheben. (Ich selber fühle mich übrigens in der glücklichen Lage, nicht nur einen der wenigen männlichen Japaner mit Naturlocken zu kennen, sondern auch sein japanisches weibliches Pendant.)

Was die Frisur anbelangt, herrscht ebenfalls – und dies für einmal ganz freiwillig – grosse Uniformität: Mindestens schulterlang sollten die Haare sein.

Last but not least ein paar Bemerkungen zu den Augen der japanischen Frauen, wo es zuallererst mit einem Vorurteil aufzuräumen gilt: Die Japanerinnen haben in der Regel keine eigentlichen „Schlitzaugen“, zumindest keine solchen, wie wir sie vielleicht aus unserer Kindheit klischeehaft in Erinnerung haben. Da ein Bild bekanntlich oft mehr als Tausend Worte sagt, verweise ich gerne auf die obige Foto, die auch in dieser Beziehung einen passenden Eindruck vermittelt.

Die Farbe der Augen leistet derweil wie die Haarfarbe dem Grundsatz der Gleichheit alle Ehre geleistet: Braun, braun, und nochmals braun. Eine blauäugige Japanerin ist mir bislang nicht begegnet.

Et voilà, mit der Bemerkung, dass für den Po im Normalfall dasselbe gilt wie für die Oberweite, wäre somit auch der zweite Teil „Von Hüfte bis Haar“ abgerundet.

Was abschliessend noch fehlt, ist die Gesamtschau von Fuss bis Haar, die vor allem eines zu Tage fördert: Japanerinnen haben fast ausnahmslos eine tolle, wenn nicht gar perfekte Figur. Übergewichtige Japanerinnen sind eine echte Seltenheit – und dies, obwohl sie nicht nur wie die Schweizerinnen Schokolade lieben, sondern dieser Lust auch gerne nachgeben.

Womit wir auch bereits beim Thema des nächsten Beitrags angelangt sind: Japanische Frauen – was sie lieben.

PS: An alle Männer, die fürs neue Jahr einen Computer-Tapetenwechsel brauchen: Wie wäre es für einmal mit Pink?

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Verkehrsampel

30. Dezember 2006

Verkehrsampel

Auf den ersten Blick scheinen die japanischen Verkehrsampeln wenig Potenzial für interkulturelle Unterschiede in sich zu bergen: Bei Rot warten, bei Grün fahren oder den Fussgängerstreifen überqueren – gleich ob in der Schweiz oder in Japan.

Könnte man denken – und so tat ich es denn auch, als ich an einem meiner allerersten Abende in Tokyo auf dem Beifahrersitz im Auto mit meiner Gastmutter durch die nähere Umgebung kurvte. Zu jenem Zeitpunkt konnte sie so gut wie kein Wort Englisch, ich so gut wie kein Wort Japanisch, und die Konversation gestaltete sich dementsprechend schwierig. Meine Gastmutter – Primarlehrerin von Beruf – lehrte mich indes bereits auf dieser ersten Fahrt durch die Strassen von Kasuga-cho die ersten japanischen Wörter: Fuhr ein anderes Auto vorbei, wies sie mit dem Finger daraufhin und sagte „jidoosha“, kreuzten wir ein Velo, dann hiess es entsprechend „jitensha“. Mit der Dauer der Fahrt machte ich selber den Schritt von der Anlern- in die Festigungsstufe und tat ihr gleiches nach: „jidoosha“, „jitensha“, „jidoosha“, „jidoosha“, „jitensha“ – die ersten Japanisch-Wörter wollten intensiv geübt sein.

Zu diesen zählten neben Auto und Fahrrad auch die roten und grünen Verkehrsampeln: Passierten wir eine grüne Ampel, war „ao“ angesagt; mussten wir vor einen roten Ampel anhalten, hiess es entsprechend „aka“. Als fünftes Wort gesellte sich jedesmal, wenn wir an einem Kinderwagen vorbeifuhren, „akachan“, Baby, hinzu.

Nach der Autospritzfahrt durchs Quartier, welche auch einen Zwischenhalt bei der naheliegenden Rundbahn und beim Karate-Trainings-Raum der lokalen Jugend umfasste, kehrten wir erschöpft, aber zufrieden nach Hause zurück. Und ich war stolz, die ersten fünf neuen Japanisch-Wörter gelernt zu haben: Auto, Fahrrad, Baby, Rot und Grün.

Dachte ich mir jedenfalls.

Denn die Ernüchterung folgte beim Gespräch mit dem Gastvater auf den Fuss: „ao“ heisst nicht wie angenommen Grün, sondern Blau. Ein kultureller Unterschied also, wo ich ihn am wenigsten erwartet hatte.

Wer die obige Foto genau betrachtet, wird feststellen, dass das Grün der japanischen Ampeln tatsächlich einen merklich höheren Blau-Anteil besitzt als jenes der Pendants in der Schweiz. Das Türkis-Grün der Ampeln liegt jedoch in meinen Augen bei weitem näher bei einem Grün als bei einem Blau. Insbesondere in der Nacht ist mein Urteil klar: Auch die japanischen Grün-Ampeln sind grün. Eine Wahrnehmung, die übrigens auch das befreundete Ehepaar meines Onkels bei der vorgestrigen gemeinsamen Autofahrt teilte.

Die subjektive Frage „Grün oder Nicht-Grün“ ändert jedoch nichts am überraschenden Umstand: In Japan werden die Grün-Ampeln Blau genannt.

Der Schein trügt also. Für einmal im wahrsten Sinne des Wortes.

kurisumasu

28. Dezember 2006

kurisumasu

Weihnachten in Japan – oder das Fest der Liebe einmal anders.

Wer glaubt, im shintoistisch-buddhistisch geprägten Japan wäre Weihnachten kein Thema, den muss ich eines Besseren belehren: Zumindest was den Weihnachts-Kommerz anbelangt, ist Japan absolute Weltklasse – die Schweiz dagegen im Vergleich bloss ein unschuldiges graues Entlein.

Merry Christmas überall: Farbig leuchtende Tannenbäume vor den Kaufhäusern, Weihnachts-Ausverkäufe im grossen Stil – und aus den in den Läden aufgestellten Lautsprecher-Boxen trällern Weihnachtsliedern, die nur vom marktschreierischen Anpreisen der Ware durch die Angestellten übertönt werden.

Ja, kurisumasu in Tokyo, eine Erfahrung der ganz besonderen Art. Für die Japanerinnen und Japaner besitzt das Weihnachtsfest grundsätzlich keine Tradition und nimmt deshalb normalerweise im Familienkalender auch keine wichtige Rolle ein. In meiner Gastfamilie erhielten zwar die Kinder, als sie noch klein waren, jeweils von den Eltern zu Weihnachten Geschenke. Inzwischen kommt Weihnachten aus familiärer Sicht nicht einmal mehr diese Bedeutung zu.

Dafür wird der Begriff „Fest der Liebe“ in Japan sehr eng interpretiert: gleich wie, Hauptsache romantisch sollten die Weihnachtstage sein. Glücklich ist, wer die Weihnachtstage mit Freund oder Freundin verbringen kann – oder zumindest ein hotto deeto mit seinem Möchte-Gern-Schatz einfädeln konnte. Allen anderen bietet sich als Alternative an, den Heiligabend im Freundes- oder Kollegenkreis zu feiern und auf diese Weise die japanische kurisumasu-Stimmung zu geniessen.

Merke!: Das Feiern von Weihnachten und Neujahr in Japan verhält sich im Vergleich zur Schweiz gerade umgekehrt: Während in der Schweiz Weihnachten grundsätzlich mit der Familie, Silvester und Neujahr dafür oftmals im Freundeskreis gefeiert werden, ist in Japan das Feiern des neuen Jahres das wichtigste Familienfest, Weihnachten dagegen bloss eine (mehr oder minder) romantische Verkaufsstrategie des Detailhandels.

Dass diese Art von Weihnachten mit der schweizerischen Form (von den Geschenken einmal abgesehen) nicht allzu viel gemein hat, wird einem spätestens dann klar, wenn vor dem Convenience Store Verkäuferinnen in unheilig kurzen Weihnachtsmann-Minirock-Kostümen irgendwelche kurisumasu-Aktionen anpreisen und in der Früchteabteilung des Lebensmittelgeschäfts Erdbeeren als Spezial-Weihnachts-Sonderangebot erhältlich sind.

Kurze Röcke und Erdbeeren – das will in meinen schweizerischen Augen irgendwie nicht wirklich zu einem stillen, besinnlichen Weihnachtsfest passen. In etwa so wenig, wie mich die am 24. Dezember von amerikanischen Austauschstudierenden veranstaltete Weihnachts-(Sauf-)Party an den heiligen Abend erinnerte.

Aber ich will mich nicht beklagen: Es war ja nicht Weihnachten, sondern kurisumasu. Und ich selber durfte am 24. und 26. zu Hause bei meiner Gastfamilie und am 25. zusammen mit zwei französischen Austauschstudenten sehr herzliche und warme Weihnachten verbringen.

Mit einem Weihnachtsbaum, um den mich wohl auch der eine oder andere Schweizer benieden hätte: Zugesandt von meiner Grossmutter aus der Schweiz, ergänzt um ein japanisches „Hello Kitty“-Engelchen.

Besinnliche europäische Weihnachten und glitzernder japanischer kurisumasu-Zirkus zugleich – damit lässt es sich ganz gut leben.

Weihnachtsbaum

Blog-Fieber

27. Dezember 2006

Als ich mich nach meiner Ankunft in Tokyo im letzten September definitiv dazu entschloss, einen Blog aufzusetzen und meine Erfahrungen in Japan in dieser Form schriftlich festzuhalten, glaubte ich, ich wäre damit für einmal der Zeit zumindest einige wenige Schritte voraus. Denn noch hat das Blog-Fieber in meinem Bekanntenkreis nicht um sich gegriffen.

In den vergangenen drei Monaten musste ich diese Einschätzung indes revidieren: von einem „der Zeit zumindest einige Schritte voraus“ keine Spur. Denn zumindest unter den europäischen Austauschstudenten an der Sophia Universität gibt es Blogger wie Sand an Meer – kaum einer, der sich nicht als Hobby-Schriftsteller betätigt und seine Eindrücke aus dem Land der aufgehenden Sonne in den Weiten des Netzes zum Besten gibt.

Wer sich dafür interessiert, was andere Austauschstudenten momentan parallel zu mir in Japan erleben, der wird unter anderem hier fündig:

Aurélien (Französisch)
Florian (Deutsch)
Daniel (Deutsch)
Helmut (Österreichisch)
Johannes (Deutsch)
Reimer (Deutsch)
Sophie (Französisch / Deutsch / Englisch)

Bei Daniel und Helmut findet der geneigte Leser übrigens je auch ein Bild, auf dem ich anlässlich des Kaiser-Geburtstags zu sehen bin (einmal ganz unvorteilhaft, einmal soso lala) – und somit wäre ich auch meinen Verlinkungspflichten mehr als nachgekommen. Dem weiteren Gedeihen der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den drei Nachbarländern Deutschland, Österreich und Schweiz sollte also nichts mehr im Wege stehen.

PS: Sollte ich jemanden vergessen haben, der auch noch auf die obige Liste gehört: ungeniert melden!

Des Kaisers Geburtstag

25. Dezember 2006

23. Dezember 2006: Der japanische Kaiser Akihito hatte zur Feier seines 73. Geburtstag geladen – und rund 20’000 (teilweise fanatische) Gäste kamen.

Inoffizieller schweizerischer Höhepunkt dieses Geburtstagsfests der Superlative, deren makellose Organisation sogar jeden Schweizer Generalstabsoffizier beeindruckt hätte, war das persönliche Ständchen, das die zwei anwesenden Schweizer Gaijin dem Tenno inmitten der japanischen „banzai“-Glückwünsche darboten.

„Zom Gebortstag vell Glöck“ auf Schweizerdeutsch – den Tenno hat es ganz offensichtlich gefreut. Er lächelte und winkte jedenfalls glücklich in die Menschenmenge:

Kinkaku-ji (Kyoto)

24. Dezember 2006

Kinkaku-ji (Kyoto)

Wohl noch nie in meinem Leben war ich vom blossen Anblick eines Bauwerks so überwältigt, wie am Freitagnachmittag, 3. November 2006, etwas nach 16.35 Uhr nachmittags, als ich den Kinkaku-ji in Kyoto betrat und die Sicht auf den Goldenen Pavillon frei wurde: Ein unbeschreibliches Gefühl – wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen.

Warum?

Manchmal im Leben liegen die persönlichen Erwartungen tief – und man wird anschliessend äusserst positiv überrascht, wie es beispielsweise an Morgen desselben Tages beim Besuch des Fushimi Inari Taisha der Fall gewesen war.

Manchmal im Leben indes liegen die Erwartungen extrem hoch – und es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass sie nicht erfüllt werden. Wenn dann die Erwartungen, die auf einer Skala von 1 – 100 bei 100 liegen, nochmals um 30 Punkte übertroffen werden, dann… ja dann… ist man einfach überwältigt, und denkt sich: absolut fantastisch, so etwas Herrliches erleben zu dürfen. Eben: Wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen.

Ganz genau so ist es mir an jenem Freitag im November ergangen, und noch heute, am 24. Dezember 2006, überkommt mich ein Gefühl des Überwältigtseins, wenn ich daran zurückdenke.

In meinem Polyglott-Japan-Führer ist auf Seite 268 ein wunderschönes Bild des Kinkaku-ji in der Abendsonne abgedruckt. Nachdem ein französischer Mitstudent von mir, der den Kinkaku-ji am Vortag besucht hatte, kurz nach vier Uhr nachmittags beim Tempel angekommen war und den Höhepunkt der Sonneneinstrahlung verpasst hatte, war mein Tagesziel an jenem Freitag klar: Ich wollte den Kinkaku-ji sehen, und zwar nicht vor Sonnenuntergang, nicht nach Sonnenuntergang, sondern genau „à point“, bei perfekter horzontaler Sonneneinstrahlung, gerade bevor die Sonne (einiges früher als in anderen Teilen Kyotos) hinter den naheliegenden Hügeln untergeht. Das Bild im Reiseführer liess mich erahnen, wie toll der Kinkaku-ji zu genau diesem Tageszeitpunkt und bei Sonnenschein sein sollte – und bildete gleichzeitig die Basis für meine Erwartungen. So schön sollte es sein – im Minimum. Alles andere hätte mich enttäuscht.

Nachdem ich mir am Morgen bereits die Pagode des To-ji, über den Mittag die Torii des Fushimi Inari Taisha und anfangs Nachmittag die 1001 Kannon-Statuen im Sanjusangen-do angesehen hatte, sattelte ich etwas nach 14.30 Uhr auf dem Parkplatz des letztgenannten Tempels mein Velo und wusste: Es würde eng werden.

Denn während der Sanjusangen-do eher im südöstlichen Teil von Kyoto (relativ nahe des Bahnhofs) liegt, steht der Kinkaku-ji im norwestlichen Teil der Stadt: Dazwischen rund 10 Velo-Kilometer quer durch die Stadt, immer leicht aufwärts. Ich fuhr also mit meinem gemieteten Eingänger auf den Trottoirs von Kyoto, so schnell es die Fussgänger und die vielen Rotlicher der Querstrassen erlaubten. Immer wieder der prüfende Blick Richtung „Links“, Westen, wo sich die Sonne immer stärker dem Horizont zu senkte. Ein Wettrennen mit der Zeit – und ich sass am kürzeren Hebel: Ein Gang musste reichen.

So pedalte ich, pedalte immer stärker, überquerte die eine oder andere unbefahrene Querstrasse auf dem Fussgängerstreifen auch bei Rotlicht (was Japaner normalerweise nicht zu tun pflegen – ausser irgendjemand bricht das Eis, dann folgen sie häufig noch so gerne), und dachte mir immer: Hoffentlich reicht es. Hoffentlich reicht es. Und nochmals eine Querstrasse. Und nochmals eine. Und noch eine. Sie schienen nicht weniger werden zu wollen.

Minute um Minute verging – und ich, der ich nach einem ausgiebigen Frühstück eigentlich kein Mittagessen zu mir genommen hatte, pedalte und pedalte weiter, vom Adrenalin und meinem Tagesziel angetrieben.

Und dann endlich gegen 15.30 Uhr: Ankunft beim Kinkaku-ji. Jetzt nur keine weitere Zeit verlieren. In den Massen, die vorwiegend zu Fuss, per Car oder Auto gegen Japans Tempel Nr. 1 zuströmten, war dies jedoch gar nicht so einfach. Einer der Verkehrspolizisten hiess mich, einige Meter zurückzufahren und mein Velo auf dem dafür vorgesehen Parkplatz abzustellen. Gesagt, getan – und wieder einige kostbare Sekunden beim Warten am Rotlicht verloren.

Auf dem Weg zur Kinkaku-ji-Kasse kannte ich daraufhin für einmal keine schweizerische Zurückhaltung und schlängelte mich mitten in den den Hunderten von anderen Touristen, die gegen den Kinkaku-ji zuströmten, so schnell wie möglich zur Kasse, kaufte mir ein Eintrittsticket zum Schnäppchen-Preis von blossen 600 Yen – und betrat das Tempelgelände.

Daraufhin eine letzte Kurve auf dem Fussweg, und dann stand ich endlich am wohl heissest umkämpften Platz in ganz Japan: An jenem Ort, von wo aus man eine Foto des Kinkaku-ji eben schiessen muss. Die meisten Touristen wollen dabei – wie es sich für das Sightseeing nach japanischer Art gehört – nicht nur eine Foto vom Kinkaku-ji, sondern eine von sich vor dem Kinkaku-ji, was nochmals einige zusätzliche fotografische Erschwernisse mit sich bringt.

Gedränge, Geknipse, Geschupse – und mittendrin ein Schweizer Gaijin mit seinem schwer gepackten Tagesrucksack, der vom Anblick des Tempels überwältigt ist und für einmal kein Pardon kennt: Ich kämpfte mich bis ganz zuvorderst an den Teichrand und fotografierte, was das Zeug hielt. Vom obigen Sujet zwischen 20 und 30 Fotos, jeweils mit leicht unterschiedlichen Bildausschnitten und von unterschiedlichen Standorten aus.

Denn ich hatte das Allergrösste erwartet, und diese Erwartungen wurden nochmals bei weitem übertroffen. Das Glück auf Erden – für einmal zum Greifen, oder zumindest zum Fotografieren nahe.

Wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen. Und ein Lotto-Gewinn dazu.

Fushimi Inari Taisha (Kyoto)

23. Dezember 2006

Fushimi Inari Taisha (Kyoto)

Der Fushimi Inari Taishi ist jener Schrein in Kyoto, der mich am positivsten überrascht hat. Die Haupthalle des Schreins, der dem Gott des Reises und den Füchsen als dessen Boten gewidmet ist, ist zwar nicht besonders bemerkenswert. Umso mehr aber die über 10’000 rot-orangen Torii, die sich im Wald den Hügel emporschlängeln. Gesäumt wird der rund 4 Kilometer lange Rundpfad nicht nur von etlichen Fuchsstatuen, sondern auch von vielen kleinen Kiosken und Restaurants, wo man sich unter anderem mit Kitsune Udon, einer mit frittiertem Tofu angereicherten Udon-Nudelsuppe [Rezept], stärken kann.

Für mich persönlich war der Spaziergang durch diesen Tunnel von Torii auf dem hügeligen Pfad im Wald eines der schönsten Erlebnisse in Kyoto. Wer bei schönem Wetter und nicht allzu kühlen Temperaturen in Kyoto weilt, dem kann ich diese rund zweistündige Wanderung wärmstens empfehlen – zumal man beim Aufstieg (jedenfalls bei einem zügigen Schritttempo) sogar sportlich etwas gefordert wird.

Und das beste an alledem: Der Eintritt ins Schreinareal ist für einmal vollständig kostenlos. Auch am Preis-Leistungs-Verhältnis gibt es also für einmal überhaupt nichts zu beanstanden.

Rolltreppen

23. Dezember 2006

Rolltreppe (Kojimachi Station, Tokyo)

Ob hinauf oder hinunter – die Rolltreppen erleichtern den Metro-Reisenden das tägliche Pendeln sehr. Das ungeschriebene Gesetz dabei lautet: „Links stehen, rechts gehen.“

Wer für einmal ganz alleine ist, den braucht diese Unterteilung in Steher und Geher nicht zu kümmern. Insbesondere während der Rush Hour kommt der Entscheidung „links oder rechts“ jedoch eine wichtige Bedeutung zu: Während sich auf der linken Seite oftmals eine lange Wartschlange bildet, ist der Weg auf der rechten Seite weitgehend frei – oder zumindest die Wartezeit um einiges kürzer. Es wird wohl niemanden verwundern, dass ich selber meistens zu den Gehern zähle.

Dass sich ein Verstoss gegen diese Rolltreppen-Sitte rächen kann, musste eine meiner beiden Japanisch-Lehrerinnen am eigenen Leibe erfahren: Als ihr auf einer lange Rolltreppe, auf der rechten Seite emporsteigend, gegen Ende die Luft ausging, wechselte sie die Spur und stellte sich auf einen freien Platz auf der linken Seite. Dem in Anzug gekleideten Mann direkt hinter ihr schien dieses Manöver nicht zu Gefallen: Eine Gewinnlerin vermutend, die sich nicht an die Spielregeln hält, bestrafte er sie für dieses Vergehen postwendend, indem er ihr einen Schlag mit seinem Regenschirm verpasste.

Wie bereits früher gesagt: Spätestens in der Metro ist es mit der japanischen Freundlichkeit vorbei und es herrschen andere Sitten. Das Recht des Stärkeren lässt grüssen.

Rolltreppe (Kojimachi Station, Tokyo)

Ginkaku-ji (Kyoto)

22. Dezember 2006

Ginkaku-ji (Kyoto)

Der Ginkaku-ji in Kyoto – für mich persönlich eine kleinere Enttäuschung. Den Grund hierfür habe ich bereits früher beschrieben.

Am besten gefallen haben mir der Eingang zum Tempel, der gepflegte Garten – und das VIP-Moos. Letzteres ist wirklich eine Klasse für sich: Kirchen-Kommerz der ganz exquisiten Art.

Nyakuo-ji (Kyoto)

21. Dezember 2006

Nyakuo-ji (Kyoto)

Über den Nyakuo-ji in Kyoto weiss ich ehrlich gesagt nicht viel, und auch in den Weiten des Netzes sind nur wenige Informationen über diesen Schrein aufzuspüren. Nicht nur daran ist erkennbar: Der Nyakuo-ji zählt nicht zur Top-Tempel-Liga Kyotos.

In einem aber ist der Nyakuo-ji Weltklasse: Er bietet allen Touristen, die auf dem Philosophenweg vom Ginkaku-ji zum Nanzen-ji spazieren, beste Sitzgelegenheiten mit Tischen im Schatten. So erkor auch ich diesen Schrein als Mittagsrastplatz aus – und gönnte mir an diesem Ort mitunter meinen zweiten aisukoohii.

Auch wenn es mir schwer fällt, es zuzugeben: Er hat mir geschmeckt.