Metro: Rush Hour

Rush Hour in der Tokioter Metro

Normalerweise ist der Zenit der Rush Hour in der Tokioter Metro um 08.17 Uhr, wenn ich in Heiwadai in die Yurakucho Line in Richtung Shinkiba einsteige, bereits leicht überschritten. Manchmal, insbesondere an Montagen wie dem heutigen, ist aber auch die „Post Rush Hour“ eine Klasse für sich. Ein Frontbericht eines Eingequetschten.

Im Generellen sind die Japaner – ihrem guten Ruf alle Ehre machend – sehr höfliche Zeitgenossen. Es gibt jedoch einen Ort, wo dies in keiner Weise zutrifft: In der Metro. Hier herrschen das Recht des Stärkeren und Survival of the Fittest in Reinkultur. Allgemeines Pendler-Motto, auch bekannt aus den Schweizer Fussballstadien: „Einer geht noch, einer geht noch rein.“

So geschieht es denn, dass sich an jeder Metro-Station weitere Pendler in den (vermeintlich) vollen Wagen quetschen, indem sie sich mit der Hand an der Innenseite der Leiste über der Türe festhalten – und dann mit den Schultern kräftig drücken, wenn sich die Türen zu schliessen beginnen. Wer den vollen Wagen nicht bei einer wichtigen Haltestelle (wo man geradezu aus dem Wagen hinausgeschwemmt wird) verlassen will, sondern das Pech hat, bei einer kleineren Haltestelle aussteigen zu müssen, der hat ein schweres Los: Da nützt alles „Sumimasen“-Sagen nichts, sondern ist stattdessen volumenverdrängende Arm-Arbeit gefragt. In etwa so, wie wenn man sich an einem Rockkonzert im Zürcher Hallenstadion bis ganz zur Bühne vorarbeiten möchte (oder während des Kawagoe-Festivals mitten auf dem Zentrumsplatz steht, ich habe darüber berichtet).

Als 23-Jähriger nehme ich diesen Morgenkampfsport mit einem Lächeln hin – tant pis. Ob es dem zwischen 50- und 60-jährigen Herrn von kleiner Statur, der heute Morgen vor Idabashi – im Anzug notabene – in meinen Rücken gerammt wurde, ähnlich ergeht, mag ich leise bezweifeln.

Als persönliche Genugtuung für das heutige Gequetsche habe ich für einmal getan, was ich normalerweise in der Metro nicht tue: Handy aus dem Hosensack nehmen, Kamera einschalten, in die Höhe halten – und abdrücken: *Bleng*. (Dummerweise lassen sich bei meinem Mobiltelefon zwar drei verschiedene Abdrück-Töne auswählen, ganz abschalten kann man das den Paparazzi entlarvende Geräusch indes nicht.) Ein Blick auf das geschossene Bild, Handy nochmals in die Höhe halten – und abdrücken: *Bleng*. Und weil ich auch auf die zweite Foto keinerlei böse Blicke erntete – das ganze ein drittes Mal: *Bleng*.

Eines dieser drei „Caught in Action“-Bilder findet sich oben: Neben dem Manga-Magazin für Erwachsene (linker unterer Bilddrand) sind insbesondere der Gesichtsausdrucks des Herrn an der Türe und ebenso jener des Herrn in der Mitte erwähnenswert. Glücklich ist, wer sich einen der Handgriff (rechte obere Ecke) angeln kann. Für alle anderen – heute auch für mich – gilt: Schwimmen, bis man irgendwo wieder Halt unter den Füssen findet – oder an Land geschwemmt wird.

PS: Bevor jemand Amnesty International anruft: Man möge obige Zeilen mit der nötigen Prise Humor und Ironie lesen – ganz so, wie ich sie verfasst habe, bevor ich mich nun wieder der Kanji-Vorbereitung für den morgigen zweiten Teil der dreiteiligen Japanisch-Midterm-Prüfungen zuwende. Spenden, namentlich Rettungsboote, natürlich trotzdem herzlich willkommen.

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4 Antworten to “Metro: Rush Hour”

  1. Rolltreppen « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] Wie bereits früher gesagt: Spätestens in der Metro ist es mit der japanischen Freundlichkeit vorbei und es herrschen andere Sitten. Das Recht des Stärkeren lässt grüssen. […]

  2. Madrilenische Neujahrserinnerungen an Tokyo « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] Metro-Züge bestiegen: Der Wagen war an unserer Haltestelle beinahe so vollgestopft wie zu besten Tokioter Rush-Hour-Zeiten, was mir Gelegenheit bot, meinem Schweizer Compañero die typische Einstiegsbewegung der […]

  3. Japan-Schweiz-Analogie (5) « kokoa41 - a gaijin’s view Says:

    […] Das wahrscheinlich weniger Interessante zuerst: Gemäss Bericht im St. Galler Tagblatt vom 23. Februar 2008 liegt die Schweiz in Sachen Zugdichte weltweit an der Spitze: Etwa alle zwölf Minuten verkehrt auf den Schweizer Bahnstrecken ein Zug, womit das Schweizer Schienennetz das am dichtesten befahrene der Welt ist – direkt gefolgt von Japan, wo die Passagiere im Jahr 2006 im Schnitt 14 Minuten auf den nächsten Zug warten mussten. Würde man indes nicht die “Zugdichte”, sondern die “Dichte im Zug” analysieren, könnte die Schweiz wahrscheinlich mit Japan nicht mithalten – mit der Tokioter Metro jedenfalls ganz bestimmt nicht. Aber darüber habe ich ja bereits früher ausführlich berichtet. […]

  4. Aron Says:

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