Uni-Alltag

Sophia University

0655: Der Wecker meiner alten Casio-Uhr piepst zum ersten Mal.
0700: Der Wecker meiner alten Casio-Uhr-Wecker piepst zum zweiten Mal.
0710: Der Wecker meiner alten Casio-Uhr-Wecker piepst zum dritten Mal. Allerspätestens jetzt stehe ich auf und ziehe mich an. Sollte ich bereits beim ersten oder zweiten Wecker-Alarm aufgestanden sein (eher unwahrscheinlich), frische ich kurz die aktuellen Japanisch-Zeichen oder -Wörter auf.
0715: Meine Gastmutter ruft „Stephan, breakfast is ready“ und ich verspeise, was auch immer sie bereits für mich vor- und zubereitet hat: meistens Salat, einige Früchte-Schnitze und ein Käse-Schinken-Toast, manchmal auch einige Reste vom Vortag (z.B. Poulet-Flügeli oder Reis). Dazu trinke ich eine Tasse Schwarztee mit Zucker.
0735: Ich wasche mein Frühstücks-Geschirr ab.
0740: Ich wasche und rasiere mich und packe meinen Rucksack.
0805: Ich verlasse eiligst das Haus und mache mit zu Fuss auf den Weg zur Metro-Station Heiwadai.
0816/0817: Ich renne die Stufen in die Metro hinunter, passiere mit meiner Dreimonatskarte das Ticket-Gate und erwische – gerade noch – meinen 08.17-Zug nach Kojimachi (eine Minute Wartezeit = angestrebter Zielwert). Auf der Fahrt bereite ich mich auf das tägliche Japanisch-Quiz vor und repetiere im Stehen auf allerengstem Raum den neuen Stoff.
0850: Ich steige in Kojimachi aus der vollgestopften Sardinen-Büchse aus und lege den restlichen Weg bis zur Uni zu Fuss zurück – mit oder ohne Schirm, je nach Wetter.
0900: Ich treffe an der Uni ein, setze mich auf einen der Plastik-Schalensitze unter dem Vordach und werfe nochmals einen Blick auf meine Japanisch-Hausaufgaben (oder alles andere, das ich nicht in metrotaugliche Pocket-Form transformiert habe) und bringe mein Kurzzeitgedächtnis auf Vordermann.
0910: Ich treffe im Japanisch-Klassenzimmer ein, die Hausaufgaben und das Quiz des Vortags werden verteilt.
0915: Die anderhalbstündige Japanisch-Lektion beginnt pünktlich mit dem täglichen Quiz, anschliessend Grammatik- und Vokabular-Übungen und mündliche Drills.
1045: Japanisch ist vorbei, ich unterhalte mich mit Mitstudentinnnen und -studenten auf dem Campus und mache mich anschliessend auf den Weg in die Bibliothek.
1100: Ich erledige meine Japanisch-Hausaufgaben und lese – falls noch Zeit übrig bleiben sollte – in einem meiner drei Economics-Bücher (Financial Management, Futures and Options, Economic Development).
1200: Mittagessen mit einem anderen Schweizer Gaijin in der Uni-Mensa; normalerweise verspeisen wir für 450 Yen (knapp fünf Schweizer Franken) das teuerste erhältliche Menü: Special Lunchi.
ca. 1300: Wenn nicht gerade – wie an Dienstag und Freitag – um 13.30 Uhr der erste Finance-Kurs auf dem Programm steht, begebe ich mich in den Computer-Raum und widme mich meiner Mailbox und erledige die anstehenden aktionis.ch-E-Mail-Pendenzen. Anschliessend Lektüre für eines meiner drei VWL-Fächer, dann ein oder zwei Economics-Vorlesungen à 90 Minuten ohne Pause. (Ausnahme: Mittwochnachmittag ist frei – ganz wie in den guten alten Schweizer Schulzeiten.)
1615: Meine Vorlesungen sind vorbei. Ich begebe mich nochmals in den Computerraum oder in die Bibliothek und erledige die anstehenden E-Mail-Pendenzen, schreibe einen neuen Blog-Eintrag oder widme mich dem Studium (jap. benkyoo shimasu).
ca. 1815: Meine Zeit an der Uni ist abgelaufen, ich mache mich auf den stündigen Nachhauseweg.
ca. 1915: Ich komme zu Hause an und nehme im Normalfall gleich das obligate tägliche Bad.
ca. 1945 – 2030: Ausgiebiges Nachtessen im Familienkreis (Grossvater, Gastvater, Gastmutter, Gastbruder und ich): „Oishii desu.“
ca. 2030: Ich räume mein Geschirr vom Tisch ab und ziehe mich in mein Zimmer zurück, um die neuen Japanisch-Wörter zu lernen und mich weiterem Lesestoff zu widmen. Falls ich minimale Wireless-Internet-Verbindung aus der Nachbarschaft habe (die Chancen liegen bei rund 50%), schreibe ich als Abwechslung zum Lernen weitere E-Mails oder überprüfe die neuesten Werbe- und Besucher-Statistiken von aktionis.ch.
ca. 2315: Ich genehmige mir im Wohnzimmer einen Gute-Nacht-Schwarztee. Anschliessend verfasse ich je nach Lust, Laune und Internet-Verbindung einen neuen Blog-Eintrag und erledige alles andere, was noch erledigt werden muss.
ca. 2400: Zähne putzen, Wecker stellen (dreifach), Nachtruhe.

Fazit: Es soll mir also im Nachhinein niemand sagen, ich hätte mir meine 28 Credits (wenn es denn mit der Anrechnung wirklich wie geplant klappen sollte) zu einfach verdient. Was nicht heissen soll, dass es mir hier nicht gefällt – ganz im Gegenteil: Japan ist wirklich grossartig, und ich geniesse die Besonderheiten dieses Landes jeden Tag von Neuem. Ab 06.55, 07.00 oder – allerspätestens – 07.15 Uhr: „Stephan, breakfast is ready“.

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2 Antworten to “Uni-Alltag”

  1. Shark Says:

    Wieso ruft Deine Gastmutter auf Englisch???

  2. kokoa41 Says:

    Ganz einfach: Weil ich – als ich Mitte September hier in Tokyo ankam – so gut wie kein einziges Wort Japanisch sprach. Mittlerweile tönt es am Morgen im Normalfall „Stephan, ohayoo!“ – was so viel heisst wie „Stephan, guten Morgen!“. Den Rest kann ich mir ja inzwischen denken… 😉

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