Lost in Translation

Zahnpasta

Wer wie ich ganz ohne Japanisch-Kenntnisse nach Tokyo reist, wird ganz schnell am eigenen Leibe erfahren können, was es heisst, ein vollständiger Analphabet zu sein.

Seit meiner Ankunft vor anderthalb Wochen habe ich sowohl ein Bankkonto eröffnet als auch ein Mobile-Abonnement abgeschlossen – ohne wirklich etwas von den beiden Verträgen, die ich unterzeichnet habe, zu verstehen (beim Bankkonto überhaupt nichts, beim Mobile zumindest die monatliche Gebühr und die Anzahl Freiminuten). Mein Gastvater und mein Gastbruder haben die beiden Vertragsformulare jeweils für mich ausgefüllt, ich selber habe mich aufs Unterzeichnen (resp. Stempeln, wie es in Japan üblich ist) beschränkt.

In der Zeitung kann ich ausser der Wettervorhersage für Tokyo (Sonne bedeutet auch hier schönes Wetter, das Tokyo-Kanji habe ich mittlerweile gelernt) nichts lesen ausser die Web- und E-Mail-Adressen und die in den Texten verstreuten Zahlen. Auf den Speisekarten, die glücklicherweise häufig mit Fotos der einzelnen Menüs bestückt sind, bewahren mich die Preise zumindest vor bösen finanziellen Überraschungen. Die japanischen Produkte – ob Esswaren, Getränke oder andere Lebensmittel – bleiben mir oft ein Rätsel, da ich ausser der Mengenangabe nichts entziffern kann. So lässt sich sogar der Kauf einer Zahnpasta als persönliches Erfolgsergebnis verbuchen (Pictogramm eines Zahns auf der Tube war der entscheidende Clue) . Beim Rasierschaum und After-Shave war es dagegen einfacher, war doch zu meiner Überraschung in der nahen Drogerie die Marke NIVEA erhältlich.

Lost in Translation – schöner als mit diesem Filmtitel lässt sich meine gegenwärtige Situation (zumindest was die Sprache anbelangt) nicht beschreiben. Überraschenderweise besorgt mich diese vollständige Unwissenheit im Moment aber nicht wirklich – denn auch als Analphabet lässt sich der Alltag meistern, und die Vorurteile gegenüber Neuem (v.a. im Bereich des Essens) sind viel kleiner, wenn man keine Ahnung hat, was einem gerade auf dem Teller serviert wird. Die Motivation, ab kommendem Montag endlich Japanisch zu lernen, wird jedoch von Tag zu Tag grösser. Denn spätestens bei der Kündigung von Bankkonto und Mobile-Vertrag in einem halben Jahr möchte ich zumindest einigermassen verstehen können, was ich – damals – in meinen ersten Japan-Tagen unterschrieben habe.

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