Archive for September 2006

Sonnenuntergang in Tokyo

29. September 2006

Sonnenuntergang

Definitiv ein gutes Omen: Mein erster Tag in Tokyo am 18. September 2006 hatte mit diesem herrlichen Sonnenuntergang geendet, aufgenommen zu Hause bei meiner Gastfamilie vom Balkon aus.

Seither präsentiert sich das Tokioter Wetter weitgehend von seiner freundlichen Seite: Abgesehen von einigen wenigen regnerischen Tagen blieb es meist trocken, Sonnenschein und Wolken wechselten sich dabei bei angenehmen T-Shirt-Temperaturen gegenseitig ab. Möge es noch eine Weile so warm bleiben, ehe die kälteren Tage ins Lande ziehen.

Wahlkampfplakate

29. September 2006

Wahlkampfplakate

Bereits am aller ersten Tag, als ich mich mein Gastvater an der Metro-Station Heiwadai abholte und im Auto nach Hause chauffierte, wunderte ich mich, ob in Bälde Wahlen stattfinden würden. Denn überall im Quartier prangten Wahlkampfplakate an den Mauern entlang der schmalen Strassen.

Die Plakate hängen noch immer – und das wird voraussichtlich im ganzen kommenden Halbjahr so bleiben. Gemäss Aussagen meines Gastvaters jedenfalls werden die Plakate nicht wie in der Schweiz bloss kurz vor den Wahlen aufgehängt, sondern werben stattdessen das ganze Jahr über für die Kandidatinnen und Kandidaten. Ob es dabei wirklich Sinn macht, bereits im September 2006 für eine Veranstaltung am 29. April 2007 Reklame zu machen, sei einmal dahingestellt.

Eines haben die Plakate indes mit den schweizerischen gemein: Sie laden zu kreativen Gesichtsverschönerungen ein, was Graf Dracula auf der obigen Foto eindrücklich demonstriert.

Niju-bashi (Tokyo)

29. September 2006

Niju-bashi

Die Japaner fotografieren sich selber vor der Niju-bashi, ich die Niju-bashi alleine. Die Doppelbrücke führt über einen der Gräben, die den heutigen Kaiserpalast umgeben, und liegt somit im Herzen der Stadt in der Nähe des Kokyo Gaien und des Tokioter Bahnhofs.

Wer glaubt, den Sinn des Wortes Doppelbrücke beim Anblick der Fotografie erkannt zu haben, den muss ich leider enttäuschen – zumindest wenn ich den Ausführungen eines jungen deutschen Reiseführers Glauben schenke: Gemäss seinen Aussagen bezieht sich der Ausdruck Doppelbrücke nicht auf die gut sichtbare vordere, sondern auf die wenig spektakuläre Brücke im Hintergrund. Letztere soll aus zwei verschiedenen Konstruktionen bestehen und deshalb den Namen Doppelbrücke tragen. Meine Gastmutter indes hat beim Thema Niju-bashi sofort auf die beiden Bögen der vorderen Brücke verwiesen. Diese naheliegende Interpretation scheint sich also auch bei den Einheimischen durchgesetzt zu haben.

Wie auch immer: Die Brücke bietet einen tollen, aber nicht überwältigenden Anblick. Mehr beeindruckt haben mich die hellgrün leuchtenden (Weiden-?)Bäume im Vordergrund.

Blutwurst mit Rösti

29. September 2006

Hat irgendjemand bereits einmal versucht, einem Japaner zu erklären, was eine Rösti ist? Ich tat ebendies gestern Abend beim Nachtessen – mit ausgesprochen mässigem Erfolg. Meine Gasteltern konnten zwar meinen Erklärungen (Kartoffeln kochen, dann raffeln, dann braten) folgen; sich unter Rösti wirklich etwas vorzustellen vermochten sie aber nicht. Und auch die Konsultation eines umfassenden digitalen Deutsch-Japanisch-Wörterbuchs, das Rösti als „Bratkartoffeln“ ins Japanische übersetzte, führte (verständlicherweise) nicht zum erhofften Aha-Erlebnis. Sodann werde ich wohl nicht umhin kommen, einmal selber an den Herd zu stehen und mich im Rösti-Kochen zu versuchen. Insider-Tipps herzlich willkommen.

Während meine Rösti-Erklär-Versuche kläglich gescheitert sind, habe ich dafür gleichzeitig die Antwort auf eine andere Frage gefunden: Wie erkläre ich Japanern, dass viele Schweizer bei Speisen wie Fischeiern oder Algen die Nase rümpfen? Ganz einfach: Sag ihnen, dass wir in der Schweiz Blutwürste essen würden – und sie werden ebenfalls die Nase rümpfen. Blutwürste? Wie kann man nur.

Täglicher Gang an die Universität

28. September 2006

Sophia University

Bevor anfangs Oktober die eigentliche Vorlesungszeit beginnt, verlangt die Sophia University den Studenten bereits einige bürokratische Ausdauer ab: Am Montag Japanisch-Niveau-Einteilung in Empfang nehmen, am Dienstag Information über Kurs-Registrierung, am Mittwoch oder Donnerstag Abgabe des Einschreibeformulars und am Freitag Uni-Internet-Zugangsdaten abholen. Step by step – und die ganze Woche ist verplant.

Dass Flexibilität womöglich nicht gerade zu den typischen Stärken der Japaner zählt, liess sich am Rande der Informations-Veranstaltung am Dienstag erkennen: Die Frage eines Studenten, ob man das Einschreibe-Formular auch bereits direkt nach der Veranstaltung abgeben (und sich so einen neuerlichen Gang an die Uni ersparen) könnte, beantwortete die zuständige Uni-Vertreterin trocken mit den folgenden Worten: „Course registration is on Wednesday and Thursday.“

Gesagt, getan. Wenn alles klappt, werde ich im kommenden Semester jeweils am morgen einen Japanisch-Anfänger-Kurs und an den Nachmittagen vier VWL-Pflichtkurse belegen (zweimal Finance, zweimal Economic Development). Wie gesagt: wenn alles klappt. Wahrscheinlich werde ich hierfür in der kommenden Woche, wenn die provisorischen Resultate der Einschreibung bekannt gegeben werden, nochmals hart kämpfen müssen.

Sightseeing nach japanischer Art (1)

28. September 2006

Sightseeing nach japanischer Art

Der Fotograf dirigiert, die japanischen Touristen lächeln – im Hintergrund (nicht sichtbar) die Doppelbrücke Niju-bashi: Sightseeing nach japanischer Art. Irgendwie mag ich mich damit auch hier in Tokyo nicht wirklich anfreunden. Aber zuschauen, das schon.

Velofahren

28. September 2006

Velo

„You are not allowed to ride the bike at night without turning on the lights. If you do not ride your bike correctly, a policeman may stop you on the streets.“

Diese Warnung aus der Info-Broschüre der Sophia University scheint ganz offensichtlich nur für Austauschstudentinnen und -studenten zu gelten. In meinem District jedenfalls sind Lichter an Velos Mangelware, was jedoch nicht heisst, dass deswegen nach Einbruch der Dunkelheit langsamer gefahren würde. In etwa die Hälfte der Radfahrer hält es zumindest mit dem militärischen Motto „sehen und nicht gesehen werden“ und verfügt wenigstens über ein Vorderlicht. Ob dieser vorherrschenden Tarn-Taktik kein Wunder also, dass Japan bei den Anzahl Verkehrsunfällen mit Personenschäden zur absoluten Weltspitze gehört.

Auch sonst kommen Militärfahrrad erprobte Personen in Tokyo ganz auf ihre Rechnung: Bei den Velos handelt es sich vornehmlich um Eingänger, Stil Frauenvelo, ohne Rücktritt. Da in der Stadt Parkplätze – noch mehr als die Lichter – eine eigentliche Rarität sind, ist das Velo ein praktisches Kurzdistanz-Fortbewegungsmittel, zumal die Strassen im Vergleich zu Schweizer Verhältnissen schmal sind. Gefahren wird dabei weitgehend auf dem Trottoir, bei Regen in der einen Hand einen Regenschirm haltend. Die Frage, ob denn das Fahren auf dem Trottoir offiziell erlaubt sei, beantwortete mein Gastvater mit einem Schulterzucken: „I don’t know.“ Wenn also sogar Universitätsprofessoren fleissig auf den Gehwegen herumkurven, wird es auch ein Schweizer Gaijin dürfen. Auf eigenes Risiko natürlich – und wenn möglich im Linksverkehr.

Lost in Translation

28. September 2006

Zahnpasta

Wer wie ich ganz ohne Japanisch-Kenntnisse nach Tokyo reist, wird ganz schnell am eigenen Leibe erfahren können, was es heisst, ein vollständiger Analphabet zu sein.

Seit meiner Ankunft vor anderthalb Wochen habe ich sowohl ein Bankkonto eröffnet als auch ein Mobile-Abonnement abgeschlossen – ohne wirklich etwas von den beiden Verträgen, die ich unterzeichnet habe, zu verstehen (beim Bankkonto überhaupt nichts, beim Mobile zumindest die monatliche Gebühr und die Anzahl Freiminuten). Mein Gastvater und mein Gastbruder haben die beiden Vertragsformulare jeweils für mich ausgefüllt, ich selber habe mich aufs Unterzeichnen (resp. Stempeln, wie es in Japan üblich ist) beschränkt.

In der Zeitung kann ich ausser der Wettervorhersage für Tokyo (Sonne bedeutet auch hier schönes Wetter, das Tokyo-Kanji habe ich mittlerweile gelernt) nichts lesen ausser die Web- und E-Mail-Adressen und die in den Texten verstreuten Zahlen. Auf den Speisekarten, die glücklicherweise häufig mit Fotos der einzelnen Menüs bestückt sind, bewahren mich die Preise zumindest vor bösen finanziellen Überraschungen. Die japanischen Produkte – ob Esswaren, Getränke oder andere Lebensmittel – bleiben mir oft ein Rätsel, da ich ausser der Mengenangabe nichts entziffern kann. So lässt sich sogar der Kauf einer Zahnpasta als persönliches Erfolgsergebnis verbuchen (Pictogramm eines Zahns auf der Tube war der entscheidende Clue) . Beim Rasierschaum und After-Shave war es dagegen einfacher, war doch zu meiner Überraschung in der nahen Drogerie die Marke NIVEA erhältlich.

Lost in Translation – schöner als mit diesem Filmtitel lässt sich meine gegenwärtige Situation (zumindest was die Sprache anbelangt) nicht beschreiben. Überraschenderweise besorgt mich diese vollständige Unwissenheit im Moment aber nicht wirklich – denn auch als Analphabet lässt sich der Alltag meistern, und die Vorurteile gegenüber Neuem (v.a. im Bereich des Essens) sind viel kleiner, wenn man keine Ahnung hat, was einem gerade auf dem Teller serviert wird. Die Motivation, ab kommendem Montag endlich Japanisch zu lernen, wird jedoch von Tag zu Tag grösser. Denn spätestens bei der Kündigung von Bankkonto und Mobile-Vertrag in einem halben Jahr möchte ich zumindest einigermassen verstehen können, was ich – damals – in meinen ersten Japan-Tagen unterschrieben habe.

kokoa41

28. September 2006

Warum kokoa41?

Um diese Frage, die zwangsläufig auftauchen wird, gleich an dieser Stelle zu beantworten: kokoa41 ist der Nickname meiner japanischen Mobile-E-Mail-Adresse (dazu ein anderes Mal mehr). Auf der Suche nach einem einfachen, aber möglichst SPAM-resistenten E-Mail-Namen durchstöberte ich mein Japanisch-Wörterbuch und stiess unter anderem auf das Wort kokoa, das „Schokolade“ (in der Getränkeform) bedeutet.

Da mir der Klang des Wortes gefällt, ich – als Kaffee-Abstinenzler – warme Schokolade mag und das Wort zudem meine Muss-Kriterien „kurz“ und „weder r noch l“ (den Japanern zuliebe) erfüllt, wurde kokoa nach dreitägigem (!) Kopfzerbrechen schliesslich als Nickname auserkoren. kokoa setzte sich dabei in der Endauswahl nicht nur gegen „heiwadai“ (Name meiner Metro-Station) und seinen Verwandten „chokoreto“ (Schokolade zum Essen), sondern auch gegen „kabocha“ (Kürbis) durch.

Da die E-Mail-Adresse „kokoa@ezweb.ne.jp“ jedoch bereits vergeben war und sich meine Gastfamilie über meinen Nickname köstlich amüsierte (wer mags ihr vergönnen), erhielt die Schokolade eine persönliche Nummer: 41 als Zeichen für die Schweiz – ein Vorschlag meines Gastvaters.

kokoa41 – mir gefällt es als warme Schweizer Schokolade hier in Tokyo bestens. Zu allem hinzu besitzt die Zahl 41 in Japan eine weitere beinahe magische Bedeutung, wie ich beim abendlichen Bade feststellen durfte: Die Badwasser-Temperatur beträgt nämlich exakt 41.0 Grad Celsius. Nicht mehr, nicht weniger.

Yasukuni-jinja (Tokyo)

28. September 2006

Yasukuni-jinja

Der Yasukuni-Schrein ist wahrscheinlich jene Sehenswürdigkeit in Tokyo, die in der Schweiz am bekanntesten ist: Die Besuche, die Premierminister Koizumi dem Kriegerdenkmal regelmässig abstattete, führten jeweils zu Protesten von China und Korea und waren deshalb auch in der Schweizer Presse ein Thema. Der Shinto-Schrein ist allen japanischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1868 und dem Ende des zweiten Weltkriegs ums Leben gekommen ist – darunter befinden sich auch die nach 1945 hingerichteten Kriegsverbrecher.

Glücklich ist, wer den Schrein – wie ich – ganz abseits der politischen Kontroverse besuchen kann. Insbesondere in den Abendstunden kommen die goldenen Verzierungen am ansonsten eher nüchternen Schrein wunderbar zur Geltung. Zudem lässt sich durch das Beobachten der Menschen beim kurzen Gebet ein erster Einblick in die japanische Religion, die in erster Linie von Shintoismus und Buddhismus geprägt ist, gewinnen. Dem Gebet geht dabei nicht nur das Einwerfen einer Münze, sondern auch ein zweimaliges Zusammenklatschen der Hände voraus. Um die Gottheit auf sich aufmerksam zu machen, wie es in meinem Japan-Führer heisst.